Die Türkische Botschaft
Im »Dönertier« am Rostocker Rosengarten kehrte mir gestern mein Fleischtaschenfachverkäufer ungewöhnlich lange den Rücken zu. Wollte er mir ein Zeichen geben?
Warum trägt der Mann, vermutlich ein Ausländer, ein rotes Halstuch – wie ich es als kleiner Junge trug? Was bedeutet der Aufdruck auf seinem Shirt? Über der Darstellung eines Panzers steht da: »20nci Zh. Tug. 2nci Tnk. Tb.«. Das Wirrwahr aus Abkürzungen und Zahlen konnte ich bislang nur ansatzweise entziffern: es deutet vermutlich auf Personen um das Kommando irgendeiner »20. Panzerbrigade« hin. Das Wort darunter steht indes zweifelsfrei für den Namen der ruhmreichen Hauptstadt »Şanlıurfa«, der gleichnamigen türkischen Provinz in Anatolien.
Bevor ich zahlte und meines Weges ging musterte er mich und hauchte mir eine, als Frage getarnte Botschaft zu: »sumid nem?«. Ich nickte als hätte ich verstanden. Doch was wollte mir der Mann sagen – war es ein Hilfeschrei? Eine Warnung?


12. Dezember 2006 um 02:05
20nci Zh. Tug. 2nci Tnk. Tb.
12. Dezember 2006 um 10:16
Lieber Peter, das Hemd fiel mir auch schon auf, da ich dort regelmäßig verkehre und es offensichtlich das einizige ist, das der junge Mann besitzt. Alternativ könnte er auch zwanzig identische T-Shirts besitzen, so wie Harald Schmidt fünfzig identische Anzugjacken von Hugo Boss im Schrank hat.
Und die Bedeutung kannst Du nicht kennen, weil Du ja ungedient bist! Unter ehemaligen Angehörigen von Streitkräften besteht die Sitte, durch attraktive Reservisten-T-Shirts auf die eigene Einheit aufmerksam zu machen und zugleich die entsprechende Waffengattung abzubilden. Das kann eine Gulaschkanone sein, aber auch ein Kampfpanzer, wie im abgebildeten Fall.
12. Dezember 2006 um 10:34
Ein anatolischer Panzerfahrer kocht mein Mittagessen? Ist das nicht gefährlich? Warum trägt er ein Stückchen Arbeiterfahne um den Hals? Mir macht das alles Angst.
12. Dezember 2006 um 11:18
Ich denke, weil er symbolisch auf das gebrochene Verhältnis der Arbeiterklasse zum Sozialismus nach dem Untergang des Warschauer Paktes hinweisen will. Doch der Gesamtzusammenhang ist ein weitaus Größerer: Die Abkürzung »20nci Zh. Tug. 2nci Tnk. Tb« macht nur zu deutlich, wie inhaltlich zerfasert das zwanzigste Jahrhundert die Kinder der digitalen Revolution in das Nirvana des Post-Postmodernismus entlassen hat – Erkenntnisse über handwerklich-mechanische Zusammenhänge sind dem einfachen Mann im Zeitalter des Mikrochips für immer verbaut. Auch in Anatolien!
12. Dezember 2006 um 12:35
Hier steht’s!!!
http://www.guneydogumedya.com/index.php?go=2,2,6094
“20nci Zh.Tug” steht dort so ziemlich am Ende des zweiten Absatzes. An alle türkischen Kollegen: Bitte übersetzen!
12. Dezember 2006 um 15:37
…ein anatolischer Panzerfahrer kocht mein Mittagessen?
Korrekt! Wie richtig vermutet, handelt es sich bei der genannten Abkürzung um die Bezeichnung des Regiments in dem der junge Mann seinen Militärdienst abgeleistet hat. Jedenfalls läßt das T-Shirt diese Vermutung zu.
Die Region in welcher der Ehrendienst abgeleistet wurde, war anscheinend Kurdistan. Bei dem abgebildeten Panzer dürfte es sich um das Modell Leopard 1 handeln.
Weiterhin Guten Appetit.
12. Dezember 2006 um 16:54
Die Kurden wissen übrigens auch so einiges über diese deutschen Exportschlager zu berichten. Im Panzer ist es halt gemütlicher als vorm Panzer: http://www.nadeshda.org/foren/cl.regionen.kurdistan/1218.html
12. Dezember 2006 um 20:17
Ganz klar: Nachdem der Muselmane erst langsam und vorsichtig deutsche Esskultur mit dem byzantinischen Schwartengrill unterwandert hat, wittert er Morgenluft, wird mutiger, und ruft zur Vernichtung des Abendlandes auf!
12. Dezember 2006 um 20:21
Nachtrag: Mit “sumid nem?” hat sich der Mann an der Rolle übrigens ausgesucht höflich erkundigt, ob er Dein Blut trinken soll.
12. Dezember 2006 um 20:45
»Zom’ida nem« (Ich besaufe mich dafür an deiner Feuchtigkeit!)
Zom = besoffen, ida = vertragliche Gegenleistung, nem = Feuchtigkeit. Na Prima ein offensichtlich Tageslicht resistenter, (siehe Foto) anatolischer Panzerfahrer und dann noch ein Vampier. Woraus macht man eigentlich Dönerfleisch?
13. Dezember 2006 um 00:15
Seit mir der Herr 2 Döner anstelle meines einen bestellten geben wollte und er sich dermaßen aufgeregt hat, obwohl ich gleich angeboten hatte, dann halt noch den zweiten zu bezahlen, habe ich dort Hausverbot (vermutlich hätt er gern noch sein Dönermesser gezückt).
Seit dem halte ich mich von diesem Fleckchen fern und kaufe meinen Döner am Bahnhof, dort bekam ich einen sogar mal kostenlos als ich mein Geld vergessen hatte. Dabei ist mir aus Angst vor dem Dönermesser schon der Angstschweiß gekommen, unbegründet!
13. Dezember 2006 um 10:20
Mein Problem: Um mich mal wie in meiner Heimatstadt Bremerhaven zu fühlen, wo es etwa zehnmal soviel Ausländer hat, wie in Rostock – ist in Westdeutschland übrigens normal – muss ich mich schon in das »Dönertier« begeben. Hinsetzen, komische Dudelmusik hören, nix verstehen – für mich ist das herrlich! Der Hauptunterschied zur sonstigen Rostocker Gastronomie dieser Preisklasse: Hier wird gelächelt und die Belegschaft ist von selber braun! Zu mir ist man dort übrigens immer sehr nett, ich gebe aber auch Trinkgeld für einen Raki, jaha!
13. Dezember 2006 um 11:37
Schön, dass mal jemand das bizarre Westdeutschland näher erklärt! Gern würde ich einmal dorthin reisen, um – zum Beispiel – mal eine *ALTE* ARAL-Tankstelle zu sehen.
13. Dezember 2006 um 11:47
Jederzeit wieder gern! Habe auf Wunsch auch Fotos von alten Tankstellen, Spielotheken und Klinkerbauten aus den Siebzigern parat. Da habt Ihr ordentlich was verpasst!
13. Dezember 2006 um 12:44
»… ruft zur Vernichtung des Abendlandes auf!«
Genau dies fürchte ich. Zuvieles spricht dafür. Mag sein, dass auswärtige Stadtmusikanten und Herrschaften im Burberry-Seidenmantel sich durch Zahlung einer Schutzgebühr der Bedrohung vorerst entziehen können, eine Dauerlösung ist dies jedoch nicht. Allein die Betäubung der Ängste mittels Alkohol scheint mir mehr als bedenklich. Was nützt die Einahme von »Löwenmilch« wenn man danach doch in der Hefepide landet.
13. Dezember 2006 um 12:56
Meine Kantinentexte, eine Hommage an Numminens Kneipenmann, begann übrigens auch beim Türken.
Es gibt sie nicht, die Perle der Warnow und noch viel schlimmer, auch die
dazu passenden Lokale glänzen durch Abwesenheit. Der müde Wanderer
muss sich zwischen viel besternten Hotels und wenig begeisternden Fast-
Gut-Abfüllhallen entscheiden. Dazwischen sind aber auch Orte zu finden,
die nordöstlich von Rostock wohlwollend als Dreierbierbar bezeichnet würden.
Es folgen einige Hinweise auf diese oft verkannten Orte.
Layla (Lääilaa – Tüürkiye Baari)
Der Schlecker-Markt in der Schiffbauerpassage wird begrenzt von Taiwanesischer und Chinesischer Küche. Es ist mittags als Blauhut etwas ratlos zwischen beiden hin und her stapft. Bei den Stuben scheint es sich um Taiwanchinesische Zwillinge zu handeln. In beiden wird das gleiche Essen angeboten, dass von der reichlich anwesenden Kundschaft ignoriert wird. Es wird geraucht, geraucht und getrunken, aber nicht Warnowkulta sondern irgendetwas anderes. Die Etiketten der Halbliterflaschen sind durch den Qualm nicht zu erkennen. Gleich hinter der Schiffbauerpassage – und Blauhut liebt Sätze in denen Schiffbauerpassage vorkommt – gibt es eine rauchfreie Neueröffnung. Blauhut betritt den rauch- und kundschaftfreien Schankraum. Er bestellt die übliche Ration, einen Döner und einen Tee. Den Tee aber erst, nachdem er sich auf der Karte vergewissert hat, dass es keinen gibt. So bekommt er statt eines Glases warmen Wassers mit 1,75 g Tee im Doppelkammerbeutel eine große Tasse richtigen Tee, den der freundliche Türke bereitwillig aus seiner privaten Kanne einschenkt. Blauhut nimmt an einem der vier kleinen Tische Platz und beobachtet das Geschehen. Es passiert nicht sehr viel. Die Spielautomaten schweigen und nur gelegentlich betritt jemand das Lokal und verlangt einen Hühnerdöner zum Mitnehmen.
Die Einrichtung in der Schankstube ist so neu, dass Blauhut sich nicht zu
kleckern traut und sehr behutsam mit der Gabel im schmackhaften Döner
arbeitet. An der Wand erfreut beigegestrichene Raufasertapete und ein Sockel, der mit einem Klinkerimitat tapeziert wurde. Die Reste der Klinkertapete wurde fetzenweise auf die Raufasertapete geklebt, so dass ein rustikaler Eindruck entstehen soll und die Einrichtung nicht mehr so übertrieben neu aussieht. Für die Zum-Mitnehmen-Esser steht im Eingangsbereich eine Parkbank bereit, die irgendwie nicht so richtig dorthin passen will. Ebensowenig wie die Wanduhr, die viel zu viel Zeitgeist austrahlt und dazu noch mit einem Stück Stoff gepaart wurde, dass sich nicht zwischen Läufer und Handtuch entscheiden konnte.
Blauhut hat das Mahl beendet und bringt das Geschirr zum Tresen. Er lobt
den Tee und betritt den schönen Tag, der ihm gerade gewünscht wurde. Satt und über die Erfindung des Doppelkammerbeutels nachsinnend, steuert er seinen Wagen, ein deutsches Fabrikat, vom Parkplatz.
13. Dezember 2006 um 13:00
Lieber Peter, die Antwort auf deine Frage lautet: aus Dönertieren. Dönerfleisch stammt von den Dönertieren. Das sind ostanatolische Yaks mit mächtigen Mähnen und langen Säbelzähnen. Im Grunde sind sie herzensgut, sehr ertragreich und vielseitig verwendbar, zum Beispiel als Panzer, Reittier, Lasttier und eben Dönertier.
Bei den Dönermännern meines Vertrauens ist mir in letzter Zeit schon mehrfach aufgefallen, dass sie ausgezeichnet Russisch sprechen. Der eine hat sogar eine blonde, russische Freundin, die sehr nett ist und strahlt wie die liebe Sonne. Am Ende gehört die Türkei längst zu Russland und keiner hat’s gemerkt. Deshalb machen die auch keine Anstalten, in die EU zu kommen.
13. Dezember 2006 um 14:18
»… sind ostanatolische Yaks«
Dachte, daraus werden Yacken gemacht.
13. Dezember 2006 um 15:53
Dönertiere … und so sehen sie aus: http://www.kaleidoshop.de/produktkatalog/produktgrafiken/erkan-stefan-doenertier.jpg
13. Dezember 2006 um 15:56
mmmh lecker sieht der aus. DER Dönertier.
13. Dezember 2006 um 16:54
@Herr Blauhut: Sagenhaft! Großartig! Phänomenal! Liest sich wie geschnitten Brot! Ein Künstler vor dem Herrn! Ich finde, Sie sollten sich im Schwerpunkt von den irdischen Jammertälern ab- und den gastronomischen Höhenzügen zuwenden. Ihr Panier ist die Panade! Ihr Biotop das Büdchen, wie der Westfale sagt. Tut mir leid, keine Auslandsreisen mehr gestattet.
13. Dezember 2006 um 20:37
Ich kann mir nicht helfen, aber Herr Blauhut klingt immer ein wenig nach der allseits bekannten Sendereihe “100 Meisterwerke” in der Interpretation der Stenkelfelder Gilde … Nicht, dass ich das schlecht finde – im Gegenteil! Ich liebe Stenkelfelder Humor. Mehr davon!
13. Dezember 2006 um 21:08
@Baeuerchen: Ich glaube, dass es die Mischung macht. Essen in Osteuropa! Am besten in einer Familie und dann versuchen, mit dem Essen aufzuhören …
Die Stenkelfelder kenne ich leider nur am Rande. Sollte es tatsächlich so ähnlich klingen, ist das eine Frechnheit. Plagiat durch Vorwegnahme!
Die Kantinen sollen jedenfalls nach Numminens Kneipenmann klingen. Das Buch glänzt vor allem mit einer Reihe Kneipenfotos von 1985, die Finnland und die DDR ganz dicht zusammenrücken lassen. Hier der Klappentext:
Numminen, M.A.
Der Kneipenmann
M.A. Numminen über das Bier und die Finnen. Dieses Buch ist fast ein Road-Roman in 350 Kneipen, eine liebevolle Erforschung der Welt der finnischen Bier-Bars und ihrer Gäste. Erzähler und Hauptperson ist ein Mann namens Numminen. Er hat zwischen Neujahr und Mittsommer eines einzigen Jahres alle Bierkneipen im ganzen Land besucht – von den südlichen Gestaden bis ins nördlichste Lappland, und vom Osten, aus Karelien im Grenzgebiet zu Russland, bis zu den schwedischsprachigen Inseln im Westen. Überall bestellt er seine Lieblingskombination: eine Tasse Kaffee, ein Milchgebäck und ein kleines Bier…
15. Dezember 2006 um 09:51
Her Blauhut, da gefallen mir Ihre eigenen Ergüsse aber besser. Macht ja nix, inspiriere mich selber gerne an ostzonalen Absurditäten, da kommen often die dicksten Dinger raus!
27. Dezember 2006 um 17:54
…und Frieden auf Erden?…
«Finsternis weichet, es strahlet hernieden
lieblich und prächtig vom Himmel ein Licht.
Engel erscheinen, verkünden den Frieden,
Frieden den Menschen, wer freuet sich nicht?»
Und Friede allen Menschen? Mitnichten! Nicht erst für neuzeit…
2. September 2007 um 23:48
Hallo,
also ich muss schon sagen, eure beiträge sind echt gut. Konnte mich kaum vor lachen halten
Um die ganze Sache mal aufzuklären:
20nci Zh. Tug. 2nci Tnk. Tb. steht für yirminci zirhli tugayi ikinci tank taburu
Bedeutung: 20. Regiment/Einheit/Batallion 2. Panzerbirgade. (k.a. wo die stationiert sind..)
Wie schon gesagt, denke ich auch, dass der Herr seinen Wehrdienst in jener Einheit abgeleistet hat.
Hoffe konnte helfen, Gruß ibo.
3. Januar 2008 um 14:22
hahhahahahhaha…
hahahhahahahahahahhah…
quote:
Bevor ich zahlte und meines Weges ging musterte er mich und hauchte mir eine, als Frage getarnte Botschaft zu: »sumid nem?«. Ich nickte als hätte ich verstanden. Doch was wollte mir der Mann sagen – war es ein Hilfeschrei? Eine Warnung?
nochmal hahahahahahahhaha…..
Er wollte damit sagen: “Zum mitnehmen?”
hahahhahahahahahahhahahahahhahahhahahahahahahahah…
3. Januar 2008 um 17:45
Zum mitnehmen? Meinen Sie wirklich fatos? Stimmt, er hats mir danach auch eingepackt.