Zwischen Stadt und Land

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Die Städter wollen zurück zur Natur. Das war schon immer so, nur hat man es früher nicht so deutlich bemerkt. Heute dagegen quillt die glühende Liebe zum rauen Landleben aus allen Ritzen:
Country in der Stadt
Schon morgens schmeißt Vati sich die robuste Survivaljacke von Jack Wolfskin über und springt in den robusten Geländewagen. Herrlich praktisch! Nur schade, dass er in einer Innenstadt-Drogerie arbeitet und nicht am Polarkreis, wo es noch reichlich freie Parkplätze gibt.
Und überhaupt: Baumärkte, Parfümerien und Supermärkte sind vollgestopft mit Produkten, die so rustikal heißen wie Country Car Port, Country Color Haartönung und Country Kinderriegel.
Stadtfein auf dem Land
Bin ich wirklich mal auf dem Lande, finde ich selten jemanden, der auf so etwas steht! Hier macht man sich noch stadtfein für den samstäglichen Trip nach Rostock – mit den preiswerten, bunten Sachen von Fishbone, Kik und Orsay – und trägt im Alltag eher Praktisches, wie den guten, alten Blaumann mit Strickpulli drüber.
Es sei denn, man ist bei der Gemeinde angestellt, dann halt Bügelfaltenjeans mit Strickpulli drüber. Jedenfalls keine Goretexjacken von Fjallräven für 300 Euro. Die trägt nur der Sparkassenangestellte mit dem Volvokombi bei seinen Wochenendeinkäufen in Jacques Weindepot.

10. Oktober 2007 um 09:26
…absolut richtig beobachtet, der Herr. Zu meiner Zeit liefen derartig gewandet nur Entdecker, Großwildjäger und Touristen »im Busch« herum. Von ein paar Spinnern, wie Denys Finch Hatton mal abgesehen.
10. Oktober 2007 um 09:31
Sven Hedin heißt doch auch das Countrywohnmobil von Westfalia. Haben Sie so eins vielleicht im Country Carport stehen? Ein echter Countryklassiker, würde ich sagen.
10. Oktober 2007 um 10:27
Angefangen hat der ganze Schmu mit den Mountainbikes in den 80ern, interessanterweise entgegen der allgemein bevorzugten Diskoklub-Ästhetik. Danach hat es sich aber übelst ausgewachsen. Aber immer noch besser als in den 80ern.
10. Oktober 2007 um 10:45
In den Achtzigern gab es im Westen die CDU-Borisbeckerfraktion und die BAP-Ostermarschierer, die sich heute mit Ende Dreissig zum Fjallrävenfetischismus vereinigt haben – so eine Mischung aus Statusdenken und Naturalismus! >>Quellennachweis
10. Oktober 2007 um 11:54
Ach ja Fjallräven. Als Schwede ist es schon ein Jammer zu sehen, wie diese ehemals wirklich gute Marke zu einem reinen Lifestyleunternehmen verkommt. Sozusagen der »Puma« der Outdoorbranche.
10. Oktober 2007 um 12:01
Ich finde die Stadtcowboys und deren Fahrzeuge auch irgendwie fragwürdig. Sie fahren mit Autos einkaufen, aus denen man nicht einmal die Parklücke korrekt erkennen kann, bzw. auch gerne einmal dem Vordermann ein lustiges Muster in die Heckpartie gedrückt wird. Wenn man denn eine findet, passt das Gefährt oft nicht hinein. Wenn diese Automobile mit einem Kind zusammenstoßen, benötigt man keinen Krankenwagen mehr. Soviel zu Thema »passive Sicherheit«.
Ich glaube, dies hängt alles mit der finanziellen Potenz einiger Städter, sowie mit deren Trend »höher – schneller – weiter« zusammen.
Bald tragen Sie vielleicht Turnschuhe, die spezialisiert sind auf Linkskurven, da sie mit unserem Joggingcomputer die eigene »Hausstrecke« analysiert haben, die Jack Wolfskin-Jacken halten bis -4800° und unsere GoreTex-Schuhe halten Wasserdruck in 20.000 Metern Meerestiefe aus und sind immer noch knochentrocken.
Mich würde einmal interessieren wie denn so X5, Touareg, Cayenne & Co. wirklich im Gelände abschneiden…
10. Oktober 2007 um 12:08
Ja, klingt plausibel! Um der Wahrheit die Ehre zu geben: ich bin leider auch nicht frei von markenfetischistischen Anwandlungen: Carhartt, Magnum Hightech, Dickies… Dicke Bollerschuhe und robuste Jacken gehören wahrscheinlich irgendwie zum guten Ton des urbanen Individualisten, auch wenn heute alle so aussehen, die nicht gerade in der Bank arbeiten.
10. Oktober 2007 um 13:11
»Sven Hedin« lobt Denys Finch Hatton…? Herr Bäuerle, ich bin gewiss, dass Sie es hier einmal mehr mit einem Hamburger jenseits von Afrika zu tun haben und nicht mit einem Wohnmobillenker.
Im Übrigen sollten Sie spornstreichs Ihren Umgang prüfen. Vielleicht mischen Sie sich ja gelegentlich mal wieder unters hungrige Jungvolk. Ihre Eindrücke aus den tiefen Schichten des mecklenburgischen Umlandes sind sicher real, allerdings huschen – zumindest in Rostock – hier und da dennoch ein paar annehmbare Gestalten über die Straße, die keine Fjallräver sind.
10. Oktober 2007 um 13:32
Da haben Sie wieder mal Recht! Die polemische Zuspitzung ist mir zur zweiten Heimat geworden, wenn auch zu einer offensichtlich missverständlichen. Alleine vor meiner Haustüre an der Hermanhalle dominiert ja schon die Kleiderspende den Dresscode. Fjallräven wird in diesen Kreisen sicher für finnischen Vodka gehalten!
10. Oktober 2007 um 14:32
Was hier noch fehlt, sind die Freunde der Outdoorbekleidung, die im Partnerlook unterwegs sind.
Diese Leute sind mir am liebsten.
10. Oktober 2007 um 14:39
Herrlich: Outdoor-Wohlfühllook im Doppelpack! Herrn Hutton kenne ich übrigens gar nicht, nur das gute Rasierwasser von Uwe Seeler, das so ähnlich heisst!
10. Oktober 2007 um 21:03
@: Herrn Hutton kenne ich übrigens gar nicht…
Danys Finch Hatton – schreibt sich mit a nicht mit u – war ein bekannter Großwildjäger und Abenteurer. Ich bin mit ihm früher ab und zu mal los ein paar Löwen abknallen.
Er war auch der Galan einer gewissen Frau Blixen, die mal eine Zeit lang in Afrika wohnte (sozusagen die erste weiße Massai).
11. Oktober 2007 um 07:48
Ach Blixen, die Afrikareisende! Die Verfilmung – eher mein Metier – war ja übel beleumundet als Onkel Tom-Geschichte, in denen es die Dame etwas zu gut mit den Schwarzen meint. Habe ihn aber nicht gesehen, nur mal den Roman in der Bahnhofsbuchhandlung. Habe mir dann aber doch den Cicero gekauft.
12. Oktober 2007 um 06:55
Auf den Streifen mit Meryl Blixen hatte ich bei der Dekonstruktion Sven Hedins bereits hingewiesen (»… gweiss, dass Sie es mit einem Hamburger jenseits von Afrika zu tun haben…«). Aber es war wohl eher ihr syphisanter Gatte, der die Schwarzen (Mädels) zu sehr liebte – tragisch.
@Martin ;o) Ich habe einmal nachgeschlagen; die erste weiße Massai soll ja die Schweizer Bestselleautorin Corinne Hofmann gewesen sein, die sich halsüberkopf auf einer Keniareise in einen Samburu-Krieger verliebt hatte. Ihre Trilogie wurde 2005 auch verfilmt, wobei Nina Hoss ihre Rolle spielen soll. Vielleicht hat Herr Bäuerle den cinematographischen Meilenstein ja in seinem bewohnbaren Videoschrein?! Die Dame selbst wird am 18.11. in Rostock (u. am 19.11. in Hamburg) aus ihrem aktuellen Buch »Wiedersehen in Barsaloi« lesen.
12. Oktober 2007 um 08:10
»Die weiße Massai« hatte ich wohl auch gemeint, als ich zum Verriss schritt. Alles Geschmackssache, aber meines Erachtens stehen diese Dinge (rein filmisch, die Literaturvorlage ist mir unbekannt) zu sehr in der Nähe von Rosamunde Pilcher. Trotzdem geht es wohl ok, da hier ja auch äußerst erfolgreich über Cagefighting und Bundesliga referiert wird.
@The Lück: Leider ist dieser Schatz nicht in meiner begehbaren Videotruhe, empfehle aber zum Thema Afrika den überaus erfreulichen Film »Weißer Jäger, schwarzes Herz« mit Clint Eastwood. Für Trashfreunde, wie mich in schwachen Stunden, natürlich »Die Wildgänse kommen«.
12. Oktober 2007 um 08:47
Ist das etwa der Schinken mit Laurenz Olivier über die Berfreiung von Rudolf Hess? Stand im Sommer mal was in der »Welt« darüber. Habe ich aber nicht gesehen. Ich sage nur: Die Kanonen von Navarone!
12. Oktober 2007 um 09:00
Nicht ganz, der von mir genannte Film handelt davon, wie Roger Moore, Richard Burton und Hardy Krüger einen afrikanischen Freiheitskämpfer aus dem Knast holen. Das von Ihnen hier angefragte Stück aus dem Skurilitätenkabinett heisst »Wildgänse II – Sie fliegen wieder« und lief in Deutschland gar nicht gut, obwohl die englischen Produzenten wegen des Themas »Rudolf Hess« darauf sehr gehofft hatten.
Besser kamen da in den Achtzigern schon »Kommando Leopard« (Lewis Collins, Klaus Kinski) und »Geheimcode Wildgänse« (Lee van Cleef, etc.) an, sowie eine Million weitere Direct-to-Video-Plagiate, die »Wildgänse« oder »Commando« im Titel hatten. Achtung, Schmuddelecke!
12. Oktober 2007 um 10:26
Ah sehn’s… da spricht der Fachmann! Es handelt sich dabei also quasi um die Vogelgrippe der Trashfilme.
12. Oktober 2007 um 10:41
Teil 1 war geil! Großartig, wie Hardy Krüger den sprachlich korrekten Buren gibt (Kaffer!). Während meiner Zeit in der Gastonomie kannte ich einen Koch aus Namibia, der die schwarzen Küchenhilfen auch so ansprach. Das war so schräg das ich heute noch lachen muss. Weltklasse – und das in Deutschland.
12. Oktober 2007 um 10:52
Der Film kriegt ja die moralische Kurve, in dem Krüger geläutert den schwarzem Freiheitskämpfer nach Hause trägt. Überhaupt betrachtet sich das eigentlich reine Actionspektakel ja selbst als Beitrag zur Völkerverständigung, wie aus Pressematerial und dem romantischen Song (von Joan Baez, glaube ich) im Vorspann hervorgeht.
12. Oktober 2007 um 14:49
Halt! Es war Joan Armatrading mit »Flight of the Wild Geese«!
12. Oktober 2007 um 15:34
Mhh stimmt, habs mir eben noch mal auf Youtube angehört. Richard Harris war damals auch mit dabei – Qualität des films hin oder her – war in jedem Fall ein großartiges Line Up.
12. Oktober 2007 um 16:25
Stimmt, Richard Harris, großartiger Schauspieler! Burton und er, beide notorische Flaschengeister, hatten in ihren Verträgen zum Wildgänse-Dreh stehen, dass sie auf dem Set keinen Alkohol zu sich nehmen durften. Scheint geklappt zu haben!