Antiwerbung – »Das kann ich auch!«

Wenn ich Dinge wie gestern diesen Aufkleber auf einem Papiertuchspender in Kühlungsborn sehe, frage ich mich, wie viel Wahrheit man aus der traurigen Botschaft von letzter Woche überhaupt noch ertragen kann. Zitat E. Bäuerle: »Werbung findet ebenfalls eher im Büro und für böse, verständnislose Kunden statt – nicht etwa in der Galerie unter Kreativen, die sich gegenseitig den Rücken kraulen…« Wie kann 2008 im Herzen Europas, in Deutschland, jemand ernsthaft solche Aufkleber für ein seriöses, deutschlandweit agierendes, Befestigungstechnik-Unternehmen in Auftrag geben? Darf man – meinetwegen auch in Emsdetten – Kreativität und Professionalität miteinander verbinden? Wann legt auch im Mittelstand mal wieder jemand wert auf Fachleute? Die Schere zwischen Blindpesen, Autodidakten und Umschülern auf der einen und ausgebildeten Fachleuten auf der anderen Seite klafft immer weiter auseinander. Bei jedem Handwerker, Programmierer etc. steht heute Design im Portfolio, abgeliefert wird bestenfalls Mittelmaß. Kein Wunder, dass die Kunden frustriert sind und gar kein Geld mehr für »Gestaltung« ausgeben wollen, wo’s doch anscheinend jeder kann.

21. April 2008 um 12:22
Schlicht und ergreifend “Geschmack”. Darüber kann man nicht streiten und der eine hat ihn – der andere nicht.
21. April 2008 um 12:31
Für’s Private gebe ich Ihnen da völlig Recht. Wenn es aber um Unternehmensdarstellung geht, rate ich zu Professionalität. Natürlich hat das Grenzen bei einer inhabergeführten Drei-Mann-Bude, wo sicher der Geschmack entscheidet. Aber der Mittelstand, so ab 100 Mitarbeiter aufwärts, kann schon etwas Fachberatung vertragen. Soll ja sein Schade nicht sein.
21. April 2008 um 13:39
Abgebildet ist hier übrigens eine Variante der angelsächsischen Kultfigur »Kilroy«, die andernorts bereits in Stein gehauen wird.
21. April 2008 um 13:56
Ich sehe bei dem Aufkleber eine extrem auf die Zielgruppe zugeschnitte Variante. Zielgruppe=Auftraggeber
Wenns dem Cheffe gefällt, gefällts doch jedem.
Oder das ist die 16. Auflage vom örtlichen Siebdrucker. Anno 1992.
21. April 2008 um 18:53
@ Peter: Ich stimme Ihnen im Großen und Ganzen zu. Was mir allerdings noch fehlt, ist vielleicht der Hinweis darauf, dass es durchaus eine Menge ausgebildeter Blindpesen mit vielen vielen Zertifikaten gibt. Es reicht nicht, ein Fachmann auf dem Papier zu sein, man muss es bewiesen haben – und das eben nicht vor Hannelore, der Muse des Auftraggebers, sondern vor Fachpublikum.
Darüber hinaus gebe ich aber auch Robert recht, denn Zielpublikum ist immer noch der Auftraggeber. Wenn der’s gut findet und bezahlt, reichts.
Allein der eigene Anspruch ist es aber, der einen davon abhält, so einen Blödsinn anzubieten oder gar verkaufen zu wollen. Und dieser Anspruch bildet die Grundlage von Professionalität – in meinen Augen
Letztlich bin ich aber froh, dass es solche Machwerke gibt, denn diese Kunden sind möglicherweise die Kunden von morgen.
(Wahrscheinlich aber nicht die einfachsten – Anm. d. Red.)
21. April 2008 um 21:22
Mein Lieber Gunnar,
Sie haben den Nagel am Kopf berührt! Stichwort: Zertifikate – genau die sind es nämlich, die so sehr überschätzt werden. Zertifikate von Bezahlschulen in Pommern oder von niegelnagelneuen Fördereinrichtungen für ausmalfreudige Umschüler. Einige vergeben heute sogar schon Diplome. Und auch wenn diese nirgendwo in Deutschland staatlich anerkannt sind, die Agenturen stellen die durchgeschleusten “Gestalter” ein, nicht zuletzt weil diese kaum was kosten. Die meisten mussten für ihr “Studium” noch nicht einmal durch einen banalen Eignungstest, wärend in Burg Gliebichenstein und Wismar bei Leuten mit wirklich Herzblut manchmal dicke Tränen floßen.
22. April 2008 um 20:45
@ Peter das kann ich nur bestätigen. Oder das von einer Ausbildungsklasse nur 1/3 die Abschlussprüfung zum Mediengestalter schafft weil die überhaupt kein Bock haben. Def.: “überhaupt kein Bock haben” = man hat sie übers Arbeitsamt in die Ausbildung vermittelt weil sie schon lange auf Lehrstellensuche sind. Die Hälfte bekommt dann mit, dass der Job überhaupt nix für sie ist. Und das Lernklima leidet durch unmotivierte Mitschüler.
Achso. Auch da gab es keinen Eignungstest.
Auch interessant zum Thema Qualität ist der Link der hinter meinem Namen hinterlegt ist. Echt Schräge Story. Das ist mein kleiner Blog.
22. April 2008 um 20:56
Also ich stelle in meiner Agentur keine abgehobenen »Geschmacksverbesserer« von Burg Giebischtenstein oder so ein. Die wollen immer mehr machen, als sie sollen, haben gestalterische »Ansprüche«, die keener versteht. Dann wollen die auch noch Zeit haben, um die Sachen zu durchdenken und zum Schluss ist gar nicht viel drauf auf ihren Entwürfen, da guckt immer noch so viel Papier durch. Das kann meine Nichte besser.
23. April 2008 um 11:23
Genau! MS WORD ® muss doch reichen! Damit kann man schöne Cliparts machen. Außerdem sind standardmäßig schon viele integriert, die man gleich mehrfach verkaufen kann. Der Vorteil: Man kann im Logo ganze Sätze unterbringen oder gar die Unternehmensgeschichte. Wenn man dafür dann auch nur ne halbe Stunde benötigt und das Ganze dann einem blinden Kunden für 500,- Scheine + 25.000,- für die Nutzungsrechte verkauft, kann man jedes Jahr mehrmals inkl. Blondi nach Malle fliegen und einen auf Werbefuzzi machen und den Mädles an den Nibbeln ziehen … sonnige Aussichten Herr Kleister!
26. April 2008 um 18:59
tach die Herrn,
YEP ! weiß nicht wo burg etc liegt aber dieses “gewerbe” ist seit ca. 15 Jahren so gut wie ausgestorben. Denn bevor 1995 die Mac´s den Setzer ablösten und jeder Trottel zuhause “do it yourself” logos “entwarf”, gab es noch wenigstens ein paar Leute die diesen Job gut machten. Die Schuld kann man nicht der Digitalisierung geben sondern vielmehr den “ausbildern”. Hochschulen und das Bildungssystem das für die sog. kreativ (scheißwort) Berufe in der BRD existiert ist und war seit den 70ern besch… Wirft man einen Blick nach Frankreich, England, Italien, Niederlande oder sogar Übersee sieht man den Unterschied schnell. Wenn einer nicht mal mehr weiß was eine Schrift ist oder wie Gestaltung von Grund auf geht, dann wirds Düster. Und das hat mit Geschmack nichts zu tun – den spart man sich besser für den Wein auf
. Peter hat da völlig Recht, mit den kleinen Mist den 3 mann möchtegern Designer produzieren, denn solange dafür Leute Geld bezahlen die keine Ahnung haben wirds gemacht und der nächste machts dann auch und so weiter. Wenn aber der Standard hierzulande stiegen würde, bekäme der “grafixer” seinen Entwurf vom Kuinden an den Kopf geworfen mit der Bitte sich umschulen zu lassen zum Hausmeister…Dann könnte man auch wieder für Qualität Geld verlangen. Und dieses Dilemma geht heute bis zur Architektur und Wohnung – Billig und wech…