Bebel oder Kreuzberg? Mein Leben auf der Standspur
An jedem Werktag überquere ich seit vielen Monden mit Aktentasche und verschwitzter Miene gegen 7.50 Uhr die August-Bebel-Straße in Richtung Büro. Mein persönlicher Feind ist die dortige Ampelanlage, die mich zur Straßenseite »Schillerschule« geleiten sollte. Vom Knopfdruck am Ampelpfahl bis zur Eingrünung dauert es in etwa so lange, wie ein Pils vom Faß benötigt: Ganze sieben Minuten!
Interessant ist die ausbleibende Reaktion meiner Mitbürger, die völlig entspannt am Zebrastreifen stehen. Ganz anders meine Reaktion: Soweit kein Kind in der Nähe ist, renne ich zwischen den Autos über die Straße, wie es meinem verkehrspolitischen Freigeist entspricht. Die Blicke meiner Verkehrsmitteilnehmer schwanken zwischen Faszination und Hass.
Hier überfällt mich dasselbe Gefühl, das mich auch an der einzigen geöffneten Kasse im Sparmarkt in der Hermannhalle gegen 19.00 Uhr beschleicht: Die Schlange reicht bis zum Kühltresen und die mutig blondierte Kassiererin mit Negligée unter der Berufsbekleidung kämpft vermutlich mit den Zahlen, ihrem sozialen Status und privaten Beziehungsproblemen. Jedenfalls ist sie L-A-A-A-A-N-G-S-A-M!
Doch, oh Wunder: Keiner der Anwesenden erhebt die Stimme, um die erlösenden Worte zu sprechen: ZWEITE KASSE! Als ehemaliger Teilzeit-Berliner weiß ich, dass es auch ganz anders zugehen kann. Alle Wartezeiten im Kassenbereich, die dort länger als zwei Minuten dauern, werden verbal so deftig abgestraft, dass es sich bei durchschnittlichen Einzelhandelskräften nach dem ersten Lehrjahr nur selten wiederholt.
Ein schöner Kreuzberger Brauch, wie ich finde. Vom Kaisermarkt am Kottbusser Tor lernen, heißt siegen lernen, liebe Hermannhalle! Mehr Informationen – Nicht sicher, aber schnell: Kreuzberger Kaiser
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1. August 2006 um 12:45
Was dem Norddeutschen hier fehlt, ist die Berliner Kaltschnäuzigkeit. Aber hier und da ist er dann doch anzutreffen, der Student von außerhalb. Er greift ungeniert zu den worten, die wir konservativ eingestellten Allesrunterschlucker nur im Traume zur Anwendung bringen würden. “Zwete kasse wäre nicht schlecht wa?” Zustimmung aus der zähflüssigen Konsummasse. Ab und zu, wenns mir so richtig reicht, trau ich mich dann auch mal. Im Lebensmittelfachmarkt um die Ecke, ganze 14 Einkaufswagen vor mir und ich unter Zeitdruck. In einem Anfall von vorgetäuschten Hust-Würg-Aktionen bringe ich dann versteckt den Wunsch nach einer Kassenerweiterung unter. Das klappt auch ganz gut bei getarnten Beleidigungsäußerungen. So ein “Arschloch” bringt man gut in einem Huster unter. Versucht es doch auch einmal und berichtet hier!
1. August 2006 um 13:35
Ja, pädagogisch ein wertvoller Ansatz, finde ich. War es nur so gewöhnt in Berlin, dass es nach meiner Erinnerung eher ein Wettbewerb darum war, wer als Erster schreit. Hier habe ich das Gefühl, die Menschen sind schon mehr als dankbar dafür, überhaupt etwas verkauft zu bekommen. Es gab ja auch mal die schlimme Zeit!
1. August 2006 um 13:51
Womit wir wieder beim Thema wären … nein, nein – diesmal nicht Herr B.
Auch ich habe meine ganz speziellen Erzfeinde – alle Ampeln auf dem Südring. Die sind doch tatsächlich so geschaltet, dass man es mit Sicherheit nicht schafft, sie in einem oder gar zwei Zügen zu nehmen. Da muss ein cleverer Ingenieur am Werk gewesen sein – seines Zeichens Fußgänger …
Die letzte Ampel vor dem heimische Garten wartet sogar mit einer Verzögerung von bis zu 7 min auf – wenn sie überhaupt auf die Anwesenheit meines rassigen Mopeds reagiert. So ist es schon vorgekommen, dass ich tatsächlich in einem Anflug unglaublicher Kühnheit es gewagt habe, nachts gegen 01:00 Uhr auf menschenleerer Straße im fahlen Mondschein nach drei Grünphasen für den Geradeausverkehr BEI ROT(!!) rechts abzubiegen.
Das hat mich so aufgewühlt, dass ich mich am nächsten morgen freiwillig beim Ordnungsamt gestellt habe.
1. August 2006 um 14:00
Schön, wie ehrlich Du bist, wenn Du über Deine schwachen Momente schreibst. Bleib so, wie Du bist! Als Vespafahrer solltest Du um ein Uhr morgens dein Fahrzeug in Wohngebieten übrigens bitte schieben, sonst macht es ja NÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄNÄNÄNÄNÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ!!!!!!!!!!
1. August 2006 um 14:07
Keine Vespa, mein Lieber! Eine Aprilla Mojito!!! Das sind grundverschiedene Dinge!! Eine Beleidigung geradezu
1. August 2006 um 14:08
Und NÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄNÄNÄNÄNÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ macht die auch nicht -> Wrrrrrooooohhmmmmmmmmmm müsste es heißen!
1. August 2006 um 14:26
Ach so, ich wusste ja nicht, dass es die 1200er Aprilla Mojito ist, für die man eigentlich keine Straßenzulassung mehr kriegt und die auf einer Eurofighter-Düse aufgebaut ist…
1. August 2006 um 14:51
So sieht das aus, mein Junge! Eben nur was für harte Typen, wie Du und ich
So keep on burning the rubber!!!
1. August 2006 um 15:01
Naja, mein Pimpmobil kennst Du ja schon, hm? Ist echt der Hummer:
http://www.hummer.com/
1. August 2006 um 15:41
Ja, für Meeresgetier bin ich auch zu haben, allerdings zum Essen lieber als zur Mobilität, da scheint mir das etwas unzeitgemäß.
Aber wie es euch gefällt. “Auf dem Hummer reiten” hört sich jedenfalls sehr prosaisch an, ob es praktisch ist, wage ich aber zu bezweifeln.
1. August 2006 um 15:51
Der Hummer ist knallrot und schert sich um nix. Er tut zwar hart, liegt aber am liebsten am Strand und knabbert Grünzeug. Trotzdem ist er äußerst beliebt bei reichen Leuten, wie Donald Trump und Dagobert Duck. Sie wollen ihm aber nichts Gutes, denn ihre Freundschaft baut nicht auf den Charakter des Hummers. Sie verzehren sich nur nach seinem Fleisch und rücken ihm erregt zuleibe. Zu Hilfe! Mörder! Frevel! Wie wird mir…
1. August 2006 um 16:58
Aaaalso, im Rheinland sind die Kassiererinnen doch doch etwas anders gestrickt (die tragen übrigens gerne hautenge T-shirts über den Speckröllchen mit der kessen Pailettenaufschrift “Flirt!”): Zur Kasse kommt man doch relativ schnell, daaaaa ist dann allerdings Schluß. Jeder eingekaufte Artikel wird mir größter Sorgfalt und Weile lautstark kommentiert: “Schmeckt dat? Wollt isch immer mal probiere, isch komm ja zu nix..”, “wo steht dat denn im Regal?”, “ham wir neu reingekrischt, die Lück kaufe dat Zeusch als wären se raderdoll (übersetzt für Norddeutsche: die Leute kaufen den Artikel sehr gehäuft)”.
Frage: Ist das besser, als wenn man zumindest alleine ohne Unterhaltung die Zeit abwartet bis man sich hinter der Kasse befindet? Denn wir kommen zeitgleich über die Ziellinie, ob in Rostock oder Bonn…
1. August 2006 um 17:07
Jahaa, da bist Du aber wenigstens gut unterhalten worden, Shopping Radio sozusagen. Das, was mich stört, ist die Einsamkeit der Ebene – der Weg bis zur Kasse, auf dem vor und hinter mir teilnahmslose Frührentner und kontaktfrohe Demenzpatientinnen (wir befinden uns im SPAR-Markt!) den Weg säumen. Im übrigen zahlen hier alle mit Kleingeld, eine Unsitte, die wohl mit der übertriebenen Wertschätzung des Westgeldes zusammenhängen muss. Wer den Pfennig nicht ehrt!
1. August 2006 um 17:13
Ja Ekki, das Spielen und Bezahlen mit Kleingeld durch Senioren (wichtig: die rausgefrimmelten cents müssen zwischendurch auf den Boden zwischen die anderen Einkaufswagen fallen, sonst isses nicht nervig genug) gibt´s hier natürlich auch, das sind Momente, wo ich am liebsten die 0,97 Cent selbst zahlen würde, damit die Gehhilfe mit Anhang schneller zur Tür kommt.
Hiiiiieeeer ist es allerdings dann üblich der Verkäuferin den Geldbeutel mit den Worten “holen Sie sich raus, was Sie brauchen” zu überrreichen. Jahaha, hier ist die Welt noch in Ordnung!
1. August 2006 um 17:14
Übrigens: Hier heißt es nicht SPAR-Markt sondern Stüssgen!!!
1. August 2006 um 17:40
Ach, das gibt es überall? Dann bin ich allwedder meiner eigenen Arroganz aufgesessen! Ich bedecke mein Haupt in Scham mit einer Schapka* oder wie das Ding heisst.
*DDR-Hut.
1. August 2006 um 17:57
Schon gut Ekki, schon gut! Ist ja schon vergessen…..;-)))
1. August 2006 um 19:40
Mensch Ekkard, da musste noch ein bisschen was lernen. Eine Schapka (Шапка) hat nichts mit Hut am Hut, sondern ist eine im tiefen Sibirien, vielleicht auch in Moskau sehr beliebte Mütze. Durchaus bei gewissen DDR-Bürgern begehrt, war sie aber maximal ein Import-Produkt, das es “hier bei uns” eher selten zu kaufen gab. Wir hatten ja auch kaum mal unter -5 Grad im Winter, da wirken die puscheligen Ohrenklappen dann doch etwas überdimensioniert.
1. August 2006 um 19:42
Achja, noch etwas – was bitte ist die “Schillerschule” und wo? Ich dachte, ich kenne mich aus zu Hause…
1. August 2006 um 19:54
Ach, ich verstehe Euch nicht: Warten zu dürfen ist doch was Kostbares. Ich liebe meine Schranke; endlich kann ich mein Fahrtenbuch führen oder, falls ich Fahrrad fahre, mal meinen Puls entschleunigen. An der Kasse staune ich, was man noch so hätte kaufen können und wie geschmackvoll doch manchmal die bunte Verpackungswelt ist. An der Ampel stehen ist eigentlich wie ins Kino gehen (und Filme sehen, die ich sonst nie ausgesucht hätte) und Rostocker Zeitung lesen. Manchmal denke ich schon, ich müßte in dumm sterben und in der Fremde begraben werden, falls es keine Ampeln gäbe.
2. August 2006 um 08:13
Liebe Sabine, vielen dank für den Hinweis zur Schapka! Dann ist das wohl die ganz normale Fellmütze mit Ohrenklappen? Vergleichbar mit der Soljanka, der ganz normalen Hackfleischsuppe mit Orangenstücken…
Die erwähnte »Schillerschule« heißt in Wahrheit »Große Stadtschule«, wie ich zu meinem Schrecken heute um 7.53 Uhr feststellte. Hier gibt es übrigens eine Fördergruppe für begabte Mathematikschülerinnen und -schüler, wie ich ehrfürchtig lesen durfte: http://www.uni-duisburg.de/FB11/MIT/EIN/b11.html Der Rektor hat sogar einen Pokal ausgeschrieben!
2. August 2006 um 08:24
Lieber 1of3, ich bin doch selber Filmfreund, also was erzählst Du mir denn da! Hmmm: Filme, die an Bahnschranken spielen… Du meinst so, wie die von dem meinerseits bewunderten Andreas Dresen (»Die Polizistin«, »Halbe Treppe«, »Sommer vorm Balkon«) regierten, realitätsnahen Filme?
Mehr zu »Die Polizistin«, dem einzig wahren Film über Rostock:
http://www.ce-review.org/01/16/kinoeye16_dewit.html
2. August 2006 um 10:42
wenn du in der Schule etwas mehr der Mathematiklehrerin zugehört hättest, statt heimlich unter dem Tisch schmuddelige Filmzeitschriften zu studieren, wüsstest du, dass es für dein ursprüngliches allmorgendliches Problem eine einfache Lösung gibt:
Gehe einfach morgens 7 Minuten später zur Arbeit, dann schaltet die Ampel auf Grün, wenn du kommst.
Auch auf die Sekundärdiskussion mit dem Einkaufen kann ich aufklärerisch einwirken. Bestell dir deine Lebensmittel (wenn möglich über das Internet) und lass sie an einen Ort deiner Wahl liefern. Einkaufen gehen ist unzeitgemäß und total out, außerdem hätte diese Taktik für dich den Vorteil, dass der Kühlschrank planbar gefüllt werden könnte, also bspw. mit allen 11 verschieden möglichen Packungen Chips deiner Lieblingsmarke. Du kannst dir natürlich auch einen gesundheitsorientierten Ernährungsplan aus dem Internet herunterladen und den Kühlschrankinhalt daraufhin abgleichen (13 verschieden mögliche Becher Joghurt deiner Lieblingsmarke).
2. August 2006 um 10:52
Lieber Professor Lesch, wer liefert mir denn die Einkäufe in der Servicewüste Deutschland? Sie vielleicht? Im übrigen wird die Ampel eh nur Grün, wenn man das Knöpflein drückt. Es ist also fast egal, wann ich aufstehe, werter Herr! Trotzdem Danke für den Hinweis auf das Produktportfolio von Danone und Bahlsen!
2. August 2006 um 13:31
Zum Drücken des Knöpfleins könnten sicherlich die Verkehrsmitteilnehmer herangezogen werden (was machten diese, wenn sie einmal gar nicht kämen?). Zur Sicherheit kann an einem geeigneten Tag eine kurze Schulung zur Funktionsweise der Verkehrsregeltechnik vor Ort vorgenommen werden (Vorschlag: Dienstag 7:45 bis 7:50). Danach solltest du die nächsten Monate Ruhe haben und könntest die 7 Minuten wohlverdient länger schlummernd oder aus der extra großen Kaffeetasse schlurfend verbringen.
Wie, keine Lieferung in Rostock auf Knopfdruck? Das nenne ich eine Marktlücke, einen Krater geradezu.
2. August 2006 um 14:02
Das klingt sehr einladend. Jedoch: wird dann nicht jeder Teilnehmer selber eine Schulung durchführen wollen, um noch länger unter der Dusche dämmern zu dürfen? Bricht nicht in diesem Moment das skrupellose Ampel-Pilotspiel zusammen? Krater… das erinnert mich an die schlimme Akne Funghi eines Klassenkameraden, der sich 1983-88 verzweifelt mit Waschbenzin abtupfte. Rauchen verboten! http://www.aporing.de/Infocenter/Beratung/Akne.htm
2. August 2006 um 15:02
Erst mal würde ich das ganze ohne Schulung ausprobieren und so gegen 7:57 erscheinen. Wenn sich die Verkehrsmitteilnehmer zu Drücken gedrückt haben, die Variante mit der Schulung (zur Strafe zwischen 7:57 und überzogen bis 8:04, das tut weh). Am nächsten Tag wieder 7:57, sollte noch immer die Unterdrückung des Drückreflexes bei den Verkehrsmitteilnehmern vorherrschen, könnte vielleicht eine Vereinbarung über wechselnden Drückerdienst ausgehandelt werden (am besten gleich freiwillig den Dienstag wählen, die Zögerlichen werden dann auf den Sonntag verdammt).
Hat das alles keinen Erfolg kann noch ein Antrag bei der städtischen Verkehrsbehörde (Tiefbauamt?) auf Durchschaltung des Ampeldruckschalters ins Internet abgegeben werden, dicker grüner Button mit gelber Schrift auf rotem Grund, darunter eine Livecam auf die Ampelphase und die wartende Meute (wird aufgezeichnet). Hierbei kommt es daruf an, die vorher zu absolvierende Wegzeit auf den nun von der Kaffeetasse aus auf dem heimischen Monitor beobachtbaren Ampelverkehr abzustimmen.
Scheinbar problematisch wird es, wenn die Wegzeit bis zum Verkehrsregeltechnikleitsystem länger ist als die rotbelichtete Ampelanschwellphase. In diesem Falle gelingt die einfache Lösung mittels eines internetfähigen (möglichst UMTS) Mobilfunkendgerätes, welches sich, wenn noch nicht vorhanden, zu diesem Zweck anzuschaffen sogar als sinnvolles Investieren zu bezeichnen wäre.
p.s. Akne, du meinst nicht etwa das gleichnamige Sternbild, diese Ansammlung rotverschobener Sterne inmitten des Milchgesichtnebels, umgangssprachlich auch CG47-11 genannt?
http://www.cologne47-11.de
2. August 2006 um 15:17
Bin sprachlos. Bis auf das Sternzeichen trifft alles zu. Nur das Tiefbauamt: Ist nicht das Katasteramt zuständig für Durchleitungen und das Tiefbauamt für Kriechkeller? Oder liege ich da falsch?
4711 im Flakon zur Herrenhandtasche ist übrigens großartig als Mittel gegen Mückenstiche und half mir in Thailands Dschungel mindestens zehn Minuten, bevor ich mir nach dem Aufwachen schreiend die zerstochene Haut abzog… Narben auf Körper und Seele, die niemals vergehen!