CD: Neunzehnhundertneunundsiebzig.

Universum Kracht: Schaumwein und Schmerzen
Autor Christian Kracht steht für markenverliebte Provokationen. In der CD-Box »1979« schildert er seine Erlebnisse im revolutionären Teheran. Zuletzt fotografierte er Nordkorea in traumartigen Bildern: Im Universum »Kracht« ergänzen sich Form und Inhalt stets vorzüglich.
Der ästhetische Provokateur
Der Autor Christian Kracht erlangte gemeinsam mit einer Reihe weiterer Autoren Berühmtheit, die das handliche Label »Pop« trugen: Benjamin Stuckrad-Barre, Intimfreund von Harald Schmidt und Ex-Showmaster mit ausgelaufenem Magazinformat bei MTV, erfüllte das damit gemeinte Klischee wohl am besten. Doch das Spiel ist aus, die Sau durchs Dorf gejagt. Geblieben ist Kracht mit seinen ästhetizistischen, markenverliebten Provokationen, die gepflegten Dandyismus mit harten Politthemen koppeln.
Teheran: Terror und Tapete
In dem auch als CD-Box erschienen Buch »1979« schildert der Autor seine angeblichen Erlebnisse im revolutionären Teheran des gleichnamigen Jahres. Er spricht dabei nicht nur über eine meditative Reise und den tragischen Tod seines übermütigen Geliebten in einem infektiösen persischen Krankenhaus, sondern auch über Tapetenmuster, Hosenstoffe und Schaumweinsorten höchster Güte. Das ist das Universum »Kracht«: Form und Inhalt ergänzen sich stets vorzüglich. Der verklemmte, den Konsum verachtende Intellektuelle war er nie.
Eine Fotoreise durch Nordkorea
Er bleibt sich übrigens auch in seinem letzten Werk aus dem September 2006 treu: In einem wunderschönen, querformatigen Bildband mit Motiven aus der scheinbar heilen Welt Nordkoreas, untersetzt mit Texten des Cineasten und Diktators Kim Jong Il, vermengt er erneut das Schöne mit der schrecklichen Wahrheit – große Kunst!

1. Februar 2007 um 11:54
Klasse Buch! Wenn Kracht jetzt aufhören würde zu schreiben, dann wäre “1979″ allerdings auch das einzige Buch von ihm, das Bestand haben würde + sein legendärer Auftritt in der Harald Schmidt Show natürlich.
Nordkorea ist mein nächstes Reiseziel, mit Kim Il Sung habe ich dann meine Sammlung an mumifizierten Revolutionären komplett. Zu lüften ist dann nur noch das Tuch des Ritters Kahlbutz.
1. Februar 2007 um 12:56
Auf jeden Fall ein hochinteressanter Autor, der sich sehr wirkungsvoll in Szene setzt. Den von Dir beschriebenen Auftritt habe ich offensichtlich versäumt. Möglicherweise ein Fall für Youtube. Nach Nordkorea zu reisen, stelle ich mir auch sehr spannend vor. Immerhin das letzte Land mit stalinistischer Personenverehrung. Oder gelten Kuba und Weißrussland auch noch? Oder Russland schon wieder?
1. Februar 2007 um 13:12
Zur Harald Schmidt Show: Zwei selbstgefällige Spinner hauen sich die Taschen voll – etwa so, wie wir gerade – Kracht philosophiert über seinen Lieblingschampagner und wirkt dabei so, als hätte er davon zu viel getrunken. Vielleicht ist der Typ aber immer so…
Einen Buchtip zu Kracht hab ich noch: “Der gelbe Bleistift” – sind lässig geschriebene Reisestorys.
1. Februar 2007 um 14:26
Verstehe, verstehe. Ich glaube, ich werde mir zunächst mal den Nordkorea-Bildband zum Namenstag schenken. In meiner wenigen Freizeit kann ich nämlich besser gucken als denken.
1. Februar 2007 um 16:01
Der Herrn Kracht hat mit mir gemeinsam Geburtstag, wenngleich er deutlich älter ist. Er ist – was seine Bücher angeht, ähnlich wie ich – bei meiner Freundin sehr beliebt. Eine zeitlang hat er ein gutes Magazin für selbstgefällige Spinner herausgegeben, das wie ich »DER FREUND« hieß. Mit einem kleinen »von« signiert habe ich es meiner FREUNDin gelegentlich geschenkt; meist zur Versöhnung, wenn es geKracht hatte… Die Cover sahen immer sehr gut aus. Wie meine FREUNDin.
Für mich ist Kracht der verwöhnte Schnösel mit Papas Reisebörse im Arsch. Es ist wohl aber eher der Neid, denn eine richtige Abneigung. Er ist halt mit offenen Augen in den abgefahrensten Winkeln der Welt gewesen und hat’s zum Spaß aufgeschrieben. Inzwischen kann er davon leben und zahlt wohl auch die Flüge selbst.
PS: 1979 wurde Saddam Hussein (in Abwesenheit von K.) zum irakischen Präsidenten ernannt: Dazu paßt eine Vorschau auf Krachts nächstes Buch:
http://www.metan.ch/VorschauRB_Metan.pdf
1. Februar 2007 um 16:33
Interessanter Weise ähnelt das Layout des PDF´s in gewisser Hinsicht einer Broschüre der Universität Rostock! Allerhand! Zum Papa von Herrn Kracht ist nicht viel zu sagen, wahrscheinlich hat sogar Goethe bei seiner Mutter gewohnt, bis er fünfzig war. Dadurch hatte er natürlich Zeit zum Schreiben. In Rostock kenne ich übrigens auch so jemanden, der aber mit Farbkreisen und Italien nichts am Hut hat. Dafür steht er total auf barocke Begriffe!
1. Februar 2007 um 17:27
» … wahrscheinlich hat sogar Goethe bei seiner Mutter gewohnt, bis er fünfzig war.« Goethe oder sein Vater?
2. Februar 2007 um 13:31
Ich hätte auch gern bei Goethes Mutter gewohnt …
2. Februar 2007 um 13:39
Ja, Äpfel schälen, Pferde stehlen und erzählen, das war Babitschkaaa!
2. Februar 2007 um 14:44
Vom Vater hab ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.
J. W. Goethe
2. Februar 2007 um 14:51
Vater trinkt Bier,
Mutter ist krank,
und kein Pfennig
auf der Bank.
(Anonymus)
2. Februar 2007 um 19:05
War da nicht grad’ noch ein Pfad-da? Neben der Muh da? Hilfa!!!!!
12. Februar 2007 um 13:00
Ja, der Kracht. Ob er sich da mit seinem neuen Buch “Metan” nicht mal verhaspelt hat. Da geht es um eine Verschwoerung, die aus Methangas besteht? Verstehe ich nicht ganz. Siehe auch: http://ras.antville.org/stories/1571501/ Fairerweise ist zu sagen; habe Krachts neues Buch noch nicht gelesen.
12. Februar 2007 um 14:48
Das Buch kenne ich nicht, lese nur gerade, dass es im März bei Amazon.de erhältlich ist. Ein Buch von Kracht ist bestimmt ein schönes Ostergeschenk für großstädtische Literaten und Freunde des gepflegten Ambientes. Doch das Thema scheint mir abgetragen – Weltverschwörung – und zunächst mal eher fäkalorientiert. Ist »Metan« Krachts illuminatische »Blechtrommel«? Also das Ringen um Ernsthaftigkeit und intellektuelle Ironie in einem? Oder doch nicht?
13. Februar 2007 um 13:57
Tatsaechlich scheint es um eine Wissensübertragung zu gehen, wie in dieser http://www.literarischer-salon.uni-hannover.de/programm/09-prg.html Ankuendigung aus Hannover behauptet wird, also keine illuminatische Verschleierung, sondern…Wiederum bin ich ratlos. Hatte mir wohl bei Kracht – den ich gerne lese – mehr gewünscht, nicht so Abgetragenes, sondern Neues. Fäkalorientiert durch das Methangas? Und warum dann im Titel Methan ohne “h”?
13. Februar 2007 um 14:10
Danke für den orthographischen Hinweis, Herr Stieler, da habe ich mich ordentlich verstiegen. Natürlich, »Methan« müsste es heissen. Ich stimme in jedem Fall mit Ihnen überein, dass sein Werk »1979« eine wahre Freude war. Die Person »Kracht« ist sowieso eine rechte Inspiration. Ob er literarisch den Zahn der Zeit übersteht, kann natürlich nur die Zukunft weisen.
13. Februar 2007 um 23:55
Herr B.
weil Sie auf die Zukunft verweisen; Dieses Lied, in der Aufnahme von 1942 – es spielt Hal McIntyre and his Orchestra – erinnert mich an “Methan” ohne es zu kennen:
I Remember You
You’re the one who made my dreams come true
A few kisses ago
I remember you
You’re the one who said i love you too
Didn’t you know
I remember too
A distant bell
And stars that fell
Like rain out of the blue
When my life is through
And the angels ask me to recall
The thrill of them all
Then i will tell them i remember you
I remember you
You’re the one who made my dreams come true
A few kisses ago
I remember you
You’re the one who said i love you too
Didn’t you know
I remember too
A distant bell
And stars that fell
Like rain out of the blue
I miss you darling
When my life is through
And the angels ask me to recall
The thrill of them all
Then i will tell them i remember you.
14. Februar 2007 um 12:31
Ein sehr schöner Text, sicher auch ein schönes Lied. Respekt, Herr Stieler, Sie haben ja unerhört Geschmack!
20. Februar 2007 um 03:49
Aber dies ist doch noch viel interessanter, Herr B:
Farewell, my friends, I’m bound for Canaan, I’m trav’ling through the wilderness; Your company has been delightful, You, who doth leave my mind distressed. I go away, behind to leave you, Perhaps never to meet again, But if we never have the pleasure, I hope we’ll meet on Canaan’s land.
20. Februar 2007 um 09:12
Aha, Canaan:
Zu Teutsch Nieder-Land. Ein annehmlichster, allerlustigster Orth.*
*aus: Nohtwendige Erklärung der tuncklen Oerter / for die mehr Einfäl-
tigen / denen Gelährten schon bekant. Gleichsahm alß guhtwillige Zugabe, nachzulesen unter http://gutenberg.spiegel.de/holz/dafnis/dafnis69.htm
20. Februar 2007 um 10:05
Sehr geehrter Herr Stieler,
interessant, dass ich Sie ausgerechnet hier treffe. Sind wir uns nicht bei der letztjährigen Mille Miglia begegnet? Sie fuhren ein seltenes Panhard-Coupé. Ich war mit einem VW Kübelwagen unterwegs. Bitte kontaktieren Sie mich unter den bekannten Adressen, es geht u.a. um die Lieferung der Chemikalien.
20. Februar 2007 um 11:08
Entschuldigen Sie, Herr Stieler! Fühlen Sie sich von dem mokanten Herrn belästigt oder ist man bekannt? Spreche Ihrethalben gerne eine Lokalverbot aus, wenn Sie dies wünschen sollten. Weiterhin einen angenehmen Tag!
20. Februar 2007 um 15:46
Nein, nein, nein keine Bange – ich kenne ihn tatsaechlich. Allerdings trafen wir uns nicht auf “…der Mille Miglia”, sondern beim letztjaehrigen (2006) Burning Man, der Graf war nackt (http://www.current.tv/burningman/), ich hatte dort ein Lyrikprojekt an den Start gebracht, das die suggestive Kraft von Hal McIntyre (siehe oben) mit den kollektiven Endmoraenen von W.B. Yeats vereinen sollte. Fotzendorff ruderte mit den Armen – da hoerte ich zum ersten Mal auch von dem Methan-Projekt.
20. Februar 2007 um 15:53
Verstehe, eine Konversation unter reisenden Kennern! Ich schätze sehr das internationale Flair und den kosmopolitischen Geist, der mit den Herren Einzug in die Stube hält. Ein echter Gewinn!
21. Februar 2007 um 20:09
Lieber Georg Stieler,
Sie haben völlig Recht. Da ich ja beinahe 60 und derzeit medikamentös mehr als volatil eingestellt bin, gehen mir manchmal die Termine etwas durcheinander. Ich ruderte dereinst mit den Armen, weil sich durch hastigen Genuss einer Dose schwedischen Surstroemmings in meinen Darmwindungen Dinge abspielten die genauer zu schreiben mir hier der Anstand verbietet. Ich bekam damals eine Ahnung, welchen Einfluss das Métan auf unser aller Leben würde nehmen können. Was mich aber sehr interessiert, lieber Georg, das ist der Verbleib meines handlichen, kleinen Orgon-Shooters, Sie erinnern sich sicherlich, ich hatte ihn in einer ledernen Aktentasche dabei und verlor ihn auf dem Fest aufgrund einiger Unübersichtlichkeiten, bei denen eine Flasche Château Palmer, ein Liebig-Brühwürfel, ein Gagball aus Plexiglas und ein Scheckbuch tragende Rollen spielten. Es handelt sich bei dem Shooter um ein Erbstück. Vielleicht können Sie mir helfen? Sie wissen ja, Geld ist nebensächlich. Es soll, so sagt man ja gern, Ihr Schaden nicht sein.
22. Februar 2007 um 10:51
[...] Blog 8 hat sich in den letzten Monaten zu einem wahren Salon internationaler Bon Vivants gemausert. So durften noch vor Wochenfrist Literatur-Ikone Georg Stieler und ein illustrer, weltreisender Graf in der schlichten Hütte begrüßt werden. Selbst Thorsten Frank Czarkowski, letzter Sohn des polnischen Königshauses und Autor mit bundesweitem Ruf, ehrt das Haus gelegentlich mit allerlei Nachdenklichem und Erhellendem. Auch Osteuropa-Experte, Szene-Gourmet und Fundraiser Holger Blauhut zählt glücklicher Weise hie und da zur schreibenden Stammbelegschaft des erlesenen Zirkels. Viel zu selten hörten wir dagegen von unserer verehrten, geheimnisvollen Reiseschriftstellerin Uschi, die just aus Asien heimkehrte: Sawadee Kha, Blume des Orients! [...]