Der Backpacker
Der manchmal mit einem etwas abwertenden Unterton ausgesprochene Begriff des Backpackers oder Travellers, ist die Bezeichnung für eine besondere Spezies des Touristen, dessen wichtigstes Kennzeichen der Rucksack ist. Dieser Rucksack ist die ihm eigene genetische Markierung, sein eigenes kleines Mantra welches nur einem Zweck dient, es verleiht dem Träger des Rucksacks einen Anspruch von Individualität.
Der Rucksack signalisiert, „ich reise allein, ich bin unabhängiger und ich habe die Chance mehr zu erleben als ihr“, er grenzt ihn ab von der Masse der Pauschaltouristen und macht ihn zu etwas besonderen. So glaubt er jedenfalls. Der Schriftsteller Evelyn Waugh brachte diese Einstellung in die schöne Formel: „the tourist is always the other chap“.
Natürlich sieht der Backpacker immer auch ein wenig herab auf die Leute, die einfach nur etwas Sonne und Spaß haben wollen und das möglichst an einem überfüllten Strand des Mittelmeers.
Dabei ist grundsätzlich ist gegen diese Form des Reisens ja nichts zu sagen, allerdings hat der Verzicht auf die Annehmlichkeiten einer Pauschalreise auch den Nachteil, dass er die Economics of Scale des modernen Massentourismus nicht in Anspruch nehmen kann. Also so kein all inklusive Besäufnis am Hotelpool und kein Reiseführer namens Achmed der im Tal der Könige im feinsten deutsch ruft: „tut tut tut, wir folgen dem Hut“.
Der Backpacker reist in der Regel „Holzklasse” und immer ist ein Guidebook der Marke Lonely Planet, Footprint oder Reise Know How (letztere von stark schwankender Qualität, die Deutschen können so etwas einfach nicht schreiben) zur Hand.
Gerne hängt der Backpacker auch nur mit seinesgleichen zusammen und die Sätze beginnen dann oft mit einem „warst du schon mal in Saigon“ oder wo auch immer. Ergänzt wird dieser Auftritt durch einen betont lockeren Kleidungsstil und wenn der Backpacker schon etwas länger unterwegs ist, kann ein gewisser Verschmutzungsgrad noch dazu kommen. Letzteres kommt bei den Einheimischen in der jeweiligen Region manchmal nicht so gut an. Merke, es soll im Urlaub keiner glauben, das Rassismus und Vorurteile eine westliche Erscheinung sind. Von wegen alle sind so freundlich und hilfsbereit. Chinesen können gegenüber schmuddeligen Westlern ziemlich gehässig sein. Besonders wenn sie wie die Dödel im Partnerlook, das heißt mit angeranzter Balgentaschenhose & Chinese Wall T-Shirt über den Bund in Shanghai spazieren.
Praktisch ausgestorben ist glücklicherweise die Sorte Traveller, die völlig entblödet und unter Negation sämtlicher Begriffe von Stil, in einem Mix aus einheimischer Folkloretracht und Touristenfummel durch Asien zogen. Wer diesen Abglanz vergangener Hippiepracht noch erleben durfte, der sei dankbar!
Besonders hart wird es an Orten, an denen Backpacker in Horden auftreten, so wie in Südostasien oder den Anden. I. d. F. ist der Begriff des „Massenbackpacking“ angebracht.
An solchen Orten kann man schon manchmal den Glauben an den menschlichen Verstand verlieren. In Bangkok machten wir einmal die Bekanntschaft einer Berliner Architekturstudentin, die seit 5 Tagen auf einem Pilztrip durch die Kaohsan Road lief und in sämtlichen Restaurants die Zeche geprellt hatte. Auf ihre wagen Angaben hin, gingen wir ihr Zimmer suchen und schlossen sie so lange in unserem Hotel ein. Als wir wieder kamen, saß sie unter der Dusche und sprach mit dem Brausekopf. Menschen wie dieses Mädchen können einen Thai ganz schon verstören, wobei das nicht richtig ist, denn die Thais sind ein ausgesprochen stolzes Volk und reagieren auf solche Dinge doch eher ungehalten.
Nach diesen etwas kritischen Worten kommen wir nun aber zu dem unbestrittenen Verdienst des Backpackers und das ist die Tatsache, dass es nicht Thomas Cook oder die Tui waren, die Plätze wie Cusco, Ko Samui oder Ibiza für den Massentourismus bekannt gemacht haben. Die Wegbereiter des Massentourismus waren immer ein paar Typen mit Rucksäcken auf der Suche nach einem guten Strand, ein paar vernünftigen Drogen und, das altmodische Wort ist hier wirklich angebracht, die auf der Suche nach einem Abenteuer waren. Einige haben natürlich auch sich selbst gesucht.
Ich will damit nicht sagen, das es ohne den Backpacker diese Orte nicht geben würde, das sicher nicht. Aber die ersten waren Typen wie Stefan Loose (Loose Verlag) und die Weehlers (Lonely Planet) allemal.
Wenn also heute Aufsichtsräte von irgendeiner mittlerweile völlig durchorganisierten Insel in der Andamansee oder dem Golf von Thailand „von ihrer Insel“ sprechen“, dann muss man das hinnehmen als Bestandteil einer normalen Entwicklung. Die letzten 20 Jahre haben diesbezüglich wirklich Maßstäbe gesetzt.
Gleichzeitig gibt einem so ein Satz einen kleinen Stich. Denn er bedeutet auch den Verlust eines kleinen Paradieses an die Allgemeinheit. Das Beispiel Insel in Thailand ist dabei völlig willkürlich, wer will kann hier auch Tulum 1969, Saigon 1992 oder Havanna 1993 einsetzen. In „The Beach“ ist dieser Verlust mit dem Satz „ die Halbwertzeit Koh Samuis lief 1989 ab“ (oder so ähnlich) gut beschrieben. Ein anderer der dieses Gefühl gut einfing, wenn auch in einem etwas anderen Zusammenhang, war Paul Theroux. In seinem Buch „Saint Jack“, das im Singapore der 70er Jahre spielt, steht unter Anspielung auf das alte Singapore folgendes: „ ich will ihnen etwas sagen, ich glaube ich habe noch großes Glück gehabt… noch ein paar Jahre und sie reißen das alles ab und bauen was anders hin. Apartmenthäuser, Parkplätze, Pizzakneipen jede lausige Sache die sie sich ausdenken können….
Ein Sonderfall ist Patagonien. Die Ehre der Pionier des modernen Rucksacktourismus gewesen zu sein gebührt praktisch einem Mann allein, gemeint ist der englische Schriftsteller Bruce Chatwin. Er reiste 1974 in diese Gegend und schrieb danach sein, wie ich immer noch finde, gutes Buch über Patagonien. Gleichzeitig löste er damit eine kleine Invasion vornehmlich angelsächsischer Rucksackträger aus, die nun mit seinem Buch in der Hand das Land durchstreiften. Da Argentinien aber nie zu den absoluten Low Budget Ländern gehörte, konnten sich thailändische Verhältnisse oder ein zweites Cusco nicht etablieren.
Letzteres ändert sich auch in diesem Land gerade etwas, was aber eigentlich nicht schlimm ist, denn wichtig ist ja nur der Wert des Reisens an sich. Es mag schon sein, dass es den einen oder Auswuchs westlichen Tourismus auch unter den Backpackern gibt, für die Masse gilt das aber ich nicht. Ich denke auch, dass es zu den unbezahlbaren Erfahrungen im Leben gehört, einmal im Leben allein oder mit ein paar Freunden ein fremdes Land (meinetwegen auch in Europa, besser aber Übersee) bereist zu haben. So etwas sitzt auf der Großhirnrinde, für immer!
In diesem Sinne, Bon Voyage!

23. November 2007 um 08:14
Sehr schöne Geschichte über das »Rucksacking«, Herr Richter. Vielen dank, man fühlte sich gleich wieder wie auf abenteuerlichen Reisen. Hervorragend auch Ihre schönen Literaturhinweise. Ganz fein.
23. November 2007 um 11:29
Geschafft! Je vous souhaite un séjour merveilleux, Martin! Persönlich gefiel mir das Waugh-Zitat ihres verbosen Beitrages am besten. Das ist doch der Mann, der einst »Trinken« als eine seiner erfolgreichsten Collegesportarten angegeben hatte, richtig?! Leider steht mir als Asienlaie nur sehr begrenzt ein Urteil zu. Deshalb würde ich in Sachen Backpackerbewertung auch lieber Daisann McLane dazu zitieren: »… auch wer für sechs Monate auf dem Boden einer Hütte in Hmong in einem entlegenen Dorf lebt, bleibt immer noch ein Tourist. «
23. November 2007 um 12:19
Na da sag ich doch mal danke für die guten Wünsche. Im übrigen endete ich mit “bereisen” und nicht mit “in fremde Kulturen eintauchen”
Tourist bleibt natürlich Tourist
7. Juli 2010 um 17:12
Auf jedensten Mal ne krasse Insight über das Leben als Backpacker. Der Humor macht das Ganze ziemlich lesenwert.
Am geilsten finde ich aber immer die deutschen Touristen anhand von Socken in Ledersandalen herauszufiltern. Dann aber schnell die Straßenseite wechseln. man will ja schließlich nicht in einen Topf geworfen werden …
Phil