Zeichnung von Gustav Bäuerle.

Zeichnung von Gustav Bäuerle, dem "malenden Architekten" aus Hirsau.

Mein Großvater Gustav Bäuerle wurde am 29.06.1909 im Kreis Calw geboren. Er wuchs – in der Endphase des Kaiserreiches – in Stammheim bei Stuttgart auf. Für seinen die Kirchenorgel spielenden Vater, einen Lehrer, durfte er an jedem Sonntag während des Gottesdienstes den Blasebalg treten. 1919, als Deutschland zur Republik wurde, trat er mit zehn Jahren in das Stuttgarter Realgymnasium ein.

Eine seiner Zeichnungen wurde über 40 Jahre hinweg schwäbischen Schülern als Musterbeispiel präsentiert – unter anderem auch seinem eigenen Sohn, meinem Vater. Gustav Bäuerle selber sagte zu seiner Schulzeit: »Ich war in der Schule stinkfaul und habe lieber gezeichnet – meist Lehrer und Mitschüler!«

Sein alter Kunstlehrer »Papa Kraus«, mit dem er auch lange nach seiner Schulzeit noch verbunden war, riet ihm 1928 zu einer Ausbildung zum Kunstmaler: ein Weg, der von den Eltern nicht befürwortet wurde. Als er seinen Wunsch äußerte, die Kunstakademie in Stuttgart zu besuchen, erwiderte sein Vater lapidar: »Bua, wenn Du die Kunstakademie besuchst und Künstler wirst, dann hast Du ein halbes Leben nichts zu essen.«

So studierte er wenig später das bodenständigere Fach »Architektur«, dem der Ruch »brotloser Kunst«, welcher das Malereistudium umgab, nicht anhing. Von 1929 bis 1935 studierte er; in zahlreichen Pflichtpraktika arbeitete er vor und während des Studiums insgesamt drei Jahre lang auf Baustellen, wo er die rustikalen Umgangsformen der schwäbischen Bauarbeiter gut kennen lernte.

Das Studium in Stuttgart bei der berühmten »Stuttgarter Schule« eines Wetzel, Schmitthenner und Bonatz – der Erbauer des umkämpften Stuttgarter Hauptbahnhofs – prägte seine Einstellung zu Architektur und bildender Kunst.

Nachbars Katze wurde 1992 von Gustav Bäuerle porträtiert.

Nachbars Katze wurde 1992 von Gustav Bäuerle porträtiert.

1938 heiratet er seine Frau Anneliese, über die er nach ihrem Tod im Jahre 1995 sagte: »Sie war mein Glücksfall – eine wundervolle Frau.« Sie schirmte alles von ihm ab, damit er ganz in der Kunst leben konnte.

Bereits ab dem zweiten Kriegstag war er als Soldat im Kampfeinsatz, wo er mehrfach hoch ausgezeichnet wurde. Die massiven Verluste unter seinen Kameraden, die immer wieder durch Neurekrutierungen ersetzt wurden, ertrug der Offizier nur schwer. 1943 wurde er in Charkow im »Kessel von Demjansk« an Kopf, Arm und Bein beinahe tödlich verwundet. Nach Kriegsende verdingte er sich unter dem Pseudonym »Maler Pflug« in Thüringen als Kunstmaler. Mit dem Verkauf kleiner Stadtansichten unterstützte er seine mittellose Familie.

1948 floh er in den Westen, wo er bis 1952 als freier Architekt arbeitete, bis er vom Planungsamt der Stadt Stuttgart angestellt wurde. 1971 ging er im Alter von 62 Jahren und als zu 80 Prozent Kriegsversehrter in Pension. Seiner eigentlichen Leidenschaft, dem Malen, ließ er erst nach seiner Verrentung freien Lauf.

Eine erste große Reise führt ihn auf den Spuren der Staufer nach Unteritalien und Sizilien. Den Herbst verbrachte er gern in Südtirol. Auf zunehmendes Interesse stießen seine Porträts von Städten und Gemeinden des Nordschwarzwalds, aber auch in Franken und Oberschwaben. Er arbeitete vor allem in versteckter Atmosphäre in dem Haus, das er einst für seinen Vater erbaute.

In den Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts setzte ein regelrechter »Boom« um Bäuerle ein: Seine Ausstellungen und Werke erfreuten sich großen Interesses. Man sah in ihm den Chronisten, der die Atmosphäre dem Verfall preisgegebener Bausubstanz sicherte, der auf liebenswerte, aber äußerst treffende Weise durch Verwitterung bedrohte Grenzsteine, verträumte Giebel und Dorfbrunnen festhielt.

Gustav Bäuerle in den Neunziger Jahren – bei der Arbeit.

Gustav Bäuerle in den Neunziger Jahren – bei der Arbeit.

Er und seine Bilder wurden im Raum Calw so erfolgreich, dass es ihm später fast leid tat. 1999 erinnerte er sich anlässlich einer Ausstellungseröffnung: »Ich habe meine Bilder leider so gut verkauft, dass ich jetzt händeringend durch die Wohnung laufen muss, um noch welche aufzutreiben.« Immer mehr Gemeinden wünschten ihre Porträtierung durch Bäuerle und zahlreiche Ausstellungen folgten. Die Technik aquarellierter Zeichnungen beherrschte er schließlich meisterhaft.

Häufig gelang es ihm, dem bearbeiteten Stein porträtierter Objekte auf beinahe magische Weise Leben einzuhauchen. Die gelegentliche, leichte Unterlegung der Motive mit Farben ließ der Konstruktion, dem »Wesen der Objekte«, genügend Raum.

Ein Besuch in Bäuerles heimischem Treppenhaus zeigte einen Querschnitt durch sein bildnerisches Leben. Beginnend mit den thüringischen Mini-Aquarellen der Nachkriegszeit über die in Sekundenschnelle gefertigten Politikerphysiognomien – Fernsehporträts der Siebziger Jahre – bis hin zu seinen reifen Architektur-, Natur- und Personenbildern, spiegelten die Wände der Kellertreppe, die in das Atelier hinabführte, die Bandbreite seines Werkes.

Aquarellierte Porträts: Anneliese Bäuerle mit einem Tiroler Bergbauern.

Aquarellierte Porträts: Anneliese Bäuerle mit einem Tiroler Bergbauern.

Ein Bilderzyklus, der nach Fotografien von seiner Frau entstand, umgab ihn bis zuletzt in seinem Heim. Oft begleitete sie ihn auf seinen Studienreisen, welche die beiden z. B. nach Frankreich und Südtirol führten: »Ich habe in der Stadt gezeichnet, während meine Frau herumgelaufen ist, und neue Motive gesucht hat«, erinnerte sich Bäuerle an diese Zeit.

Der Künstler starb im Jahre 2003 in seiner Heimat im Schwarzwald. Er wurde auf dem Friedhof von Hirsau in Anwesenheit seiner Familie und vieler alter Freunde beigesetzt. Seine geliebte Frau Anneliese war ihm auf diesem letzten Weg bereits vorangegangen. >> Südtiroler Bilder von Gustav Bäuerle im Verkauf