Hamburg pflegt sein maritimes Image

…und Rostock nicht, möchte man meinen. Wer einen Vergleich zu anderen Städten wie Bremerhaven/Hamburg zieht, der kann sich angesichts der Leistungen von Schillen & Co. nur an den Kopf fassen. Eine kurze Liste der Verfehlungen:
1989 ließ die Stadt den 1905 gebauten Dampfer Vorwärts abwracken – für dieses Schiff gab und gibt es Bezug auf Typ und Größe weltweit wenig Vergleichbares.
1990 verkauft man den letzten klassischen deutschen Fischdampfer (Seitentrawler) für eine Mark nach Bremerhaven. Heute liegt das Schiff dort als schwimmendes Museum und die Jungs in Bremerhaven freuen sich noch heute…. http://www.historisches-museum-bremerhaven.de/index.php?id=33
In den 90er Jahren vergammelten die Außenexponate und das Traditionsschiff endgültig soweit, dass nur Geld aus dem IGA Topf helfen konnte.
Die am Kabutzenhof liegende Georg Büchner sieht von innen aus, wie ein Möbel Roller Markt http://www.blog-8.de/mal-was-maritimes/
Es gibt weder einen Museumshafen, der diesen Namen verdient und das “neue” Schiffahrtsmuseum im Traditionsschiff liegt nicht nur abseits der üblichen Touristenströme, sondern ist innen ebenfalls nur… naja sagen wir, substandard. Wie man so etwas richtig macht, zeigen mal wieder die Amerikaner: http://www.mysticseaport.org/
Die letzte Großtat war der Verkauf des Seebäderschiffes Undine (Neptunwerft, Bauj. 1910) nach Dresden. Wieso die Stadt nicht die Mittel für den Erhalt dieses Schiffes aufbringen konnte, versteh wer will.
http://www.ostsee-zeitung.de/archiv
Das alles mit fehlendem Geld zu begründen, scheint mir etwas zu kurz gegriffen – schließlich gab es in den 90er Jahren genug davon und für das eine oder andere Projekt findet sich auch noch heute Budget. Was anscheinend fehlte, waren Ideen oder eine entsprechende Lobby. Rostocks erste Tradition ist aber eine Maritime; weiter gibt es nicht so viel. Dann kommt noch die Universität (dritt oder viertälteste Deutschlands) und das wars dann schon. Das einzige historische Ereignis von größerer Bedeutung das mir noch einfällt, war der erste Flug eines Flugzeugs mit Düsenantrieb 1939 in Rostock Marienehe – dass das Düsenzeitalter in Rostock begann, dürften aber nur die wenigsten wissen.
Mhh…

31. Januar 2007 um 10:57
Bremerhaven ist eine Seestadt mit Herz: Man ist zwar hässlich, aber unheimlich stolz auf den so gut wie nicht mehr vorhandenen Fischfang, die nur noch wenigen Werften, den größten Container-Umschlaghafen Europas und darauf, Deutschlands Auswanderungshafen Nr. 1 gewesen zu sein: Von hier aus ging es nach Amerika!
Elvis kam hier an, als er seinen Wehrdienst antrat und Kaiser Wilhelm hielt die furchterregende Hunnenrede. Angeblich hat die Stadt auch Deutschlands höchste Kneipendichte und einen massiven Rotlichtbezirk, der an St. Pauli erinnert. Eben eine Seestadt! Ansonsten ist es wie in Rostock: 20 Prozent Arbeitlose, 10 Prozent Rechtsradikale und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit.
31. Januar 2007 um 12:09
Ich gebe dir absolut recht. Rostock verscherbelt sämtliche Kulturgüter und Denkmäler, um zweifelhafte Projekte zu finanzieren und Misswirtschaft zu kompensieren. Wie war das noch gleich mit dem Verkauf des Überseehafens?!?! Aber das ist eine andere Geschichte.
Leider ist Rostock eine sehr strukturschwache Stadt – oder wie ist es sonst zu erklären, dass von 16.000 oder 18.000 Stadionbesuchern bei Spielen des FC Hansa nur 8.000 bis 9.000 direkt aus Rostock kommen?
Wer keine Lobby hat, ist am Arsch. Unser Volkstheater beschäftigt ca. 300 Mitarbeiter, von denen einige sich unterbezahlt zu Tode arbeiten und andere künstlerisch den Tag verstreichen lassen. Hier tanzt Jesus um die brennende Mülltonne und Shakespeare hängt an der Nadel. Moderne Aufführungen sind mal was Neues. Aber nur noch? Muss sich denn jeder zweitklassige Regisseur bei uns austoben?
31. Januar 2007 um 14:39
“Jesus um die brennende Mülltonne und Shakespeare an der Nadel” ist zwar ein Klischee von reinem Trashtheater, aber beinhaltet doch zumindest ein szenisches Bild, eine dramaturgische Idee. In den zugegebenermaßen wenigen Aufführungen, die ich mir in den letzten 2 Jahren ansah (genau 2), sind noch wesentlich abgetragenere Kalauer über das zufrieden schlafende Publikum verbal ausgekippt worden.
Das als Gesamtbild hat ja schon wieder was.
31. Januar 2007 um 14:58
Also, ich war zuletzt im »Ring der Nibelungen«, der mir aber gut gefiel. Die Atmosphäre aus Mülltonnen, Leuchtröhren, Blut, Wasser und Schwertern hatte ein bisschen was von Rammstein. Nicht schlecht, fand ich!
Und ein andermal, beim »Fliegenden Holländer«, wurden die Gesangstexte über ein Leuchtband eingeblendet – gefiel mir als Inhaltsfetischisten extrem gut, da mir die Musik alleine zuwenig gewesen wäre.
4. Februar 2007 um 12:45
Rostock und die maritime Tradition – ein tolles Thema! – Shocking die traurige Auflistung von unwiderbringlichen “Veräußerungen”…. Schlaft Ihr alle in Rostock, dass so etwas durchgezogen werden kann??!! Ich frage mich auch, warum man vom maritimen Thema in eine Theaterdiskussion abschwenken muss?? – Zur Ehrenrettung Rostocks sollte zudem auf die Hanse-Sail verwiesen werden, mit der alljährlich millionenfach maritim gepunktet wird.
22. Februar 2007 um 13:49
[...] Von unseren hinreißenden Haus-Autoren wollen wir gewohnt moderat schweigen – Starfotografen, Multimediaspezialisten, germanistische Feingeister beiderlei Geschlechts und die drei Martins gaben sich ein ums andere Mal die Klinke in die Hand. Das Geheimnis der magischen Anziehung dieses Ortes liegt vermutlich in seiner Unbestimmtheit: Der »VEB Es-war-nicht-alles-schlecht« hat hier ebenso ein Heim gefunden wie die »AG Heiligendamm – Sofortabriss!«. [...]
24. August 2008 um 01:38
ähem…
sorry, wenn ich ich den Klugscheißer raushängen lasse, aber die “Vorwärts” ex “Grete Cords”, ex “Johann Ahrens” ist sogar noch etwas älter gewesen. Sie wurde nämlich schon 1903 von der Rostocker Neptun AG gebaut.
Falls es noch Fragen geben sollte, kann man mich über meine Internetseite erreichen.
MFG: ein ehemaliger “Junger Matrose”