Literaturtipp: Fast eine Jugend.

Das Schlimmste kommt noch oder
Fast eine Jugend. Von Charles Bukowski.
Charles Bukowski zählt zu den Heroen von Legionen adoleszenter Männer auf der Schwelle zum wirklichen Erwachsenenalltag: Niemand konnte zwischen den Zeilen soviel Schmerz und Wut ausdrücken, ohne dabei zu nerven. Er war zu Lebzeiten zu alt, um im mitfühlenden 68er Jargon zu schreiben – stattdessen trieft die Tragik der Konstellation »Mann gegen Gesellschaft« aus allen Poren seiner großartigen Texte, über die man – das Beste an Bukowski! – fast immer schallend lachen kann.
Akne und Befreiung
»Das Schlimmste kommt noch oder fast eine Jugend« gehört zu den raren Werken Bukowskis, die nicht im Schwerpunkt von whiskyschwangeren Schlägereien und Liebesnächten handeln, obwohl die natürlich vorkommen. Doch hier geht es auch um Kindheit und Unterdrückung, Jugend, Akne, Hass, Unverständnis, ersten Suff, Exzess und Befreiung. Klingt peinlich und pathetisch, ist es aber nicht: Bukowski schreibt vom Leben – das macht er ganz wunderbar und unterhaltsam!

23. Oktober 2006 um 14:49
Ekkhard mit einem Literaturtipp? Klingt so, als hättest du das Wochenende über im Bett herumgelungert und bei einigen Flaschen billigen Fusels Bukowski gelesen. Ich hoffe, das ist nicht schon 20 Jahre her und du rubbelst uns hier die alten Geschichten unter.
Tatsächlich aber hatte auch ich dieser Tage seit vielen Jahren wieder ein Bukowski-Büchlein in der Hand: “Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stock aus dem Fenster sprang.”, da sich bei einigen Musikerfreunden der Gedanke festgesetzt hatte, daraus eine kleine Vorlese-Aufnahme-Session zu machen. Meine leisen Vorbehalte und den Vorschlag um Erweiterung der Thematik auf andere amerikanische Autoren (Miller, Brautigan) wurde mit Unveständnis aufgenommen (Beat Generation würden die Kollegen am ehesten als Krautrock verstehen).
Im Nachhinein finde ich das im Büchlein enthaltene Material substantiell genug, um daraus eine hausgemachte kleine Weihnachts-CD zu machen und die an die lieben Familienmitglieder weiterzugeben.
23. Oktober 2006 um 15:15
Es ist leider wahr, das es länger her ist mit meiner Bukowski-Rezipienz. Dafür habe ich ihn aber so gut wie komplett zuhause im Regal, inklusive postmortaler Nachklapp-Sammlungen, exklusive einiger Gedichtbände, die sich z. T. doch sehr ähneln. Deshalb habe ich hierzu auch ausnahmsweise eine literarisch fundierte Meinung! Die Bukowski-Remakes sind vielfältig und manche richtig gut, z. B. die Comic-Fassung von Robert Crumb und der Spielfilm »Barfly« mit Mickey Rourke. Auch beim Gesangsvortrag einer Dame mit Schifferklavier habe ich vor einigen Jahren sehr gelacht. Am besten ist allerdings der Meister persönlich, den es z. B. in einer mit der ersten Videokamera aufgezeichneten Lesung aus den 60er Jahren gibt. Er liest hier stoisch vom Blatt und wenn man sein Werk vor Filmansicht gelesen hat, weiß man auch, was er von seinen akademisch gebildeten Lesern hielt und was er in der Thermoskanne hatte, die gelegentlich zum Munde geführt wird!
23. Oktober 2006 um 16:21
Oh ja – Bukowski ist auch mein Freund. Wie sein Alter Ego Henry Chinaski mit kürbisgroßen Eiterfurunkeln auf der Pritsche liegt und sich die knackige Krankenschwester nur auf seinen kraterähnlichen Rücken konzentriert – das ist so herzzerreißend traurig und urkomisch zugleich. Auch wenn ich zumindest auf dem Papier noch nie ein Junge war und meine Pupertät glücklicherweise nur von wenigen, dafür schrecklichen Einzelpickeln geprägt war – ich kann so mitfühlen. Und das kann jeder, der nicht als Jessica Simpson auf die Welt kam. Dafür schmeiß’ ich doch jeden Liebesschinken weg. Jawoll!
23. Oktober 2006 um 17:41
Eine rechte Aktentaschen-Akne habe ich mit 15 gehabt, so wie viele aufwachsende Burschen meines Jahrgangs und weiss deshalb, was er litt! Zugleich komisch und tragisch, wie Mütter im Bus ihre neugierigen Kinder von ihm, dem pubertierenden Elefantenmenschen, fortziehen und er dennoch notdürftig seine linkischen Annäherungsversuche an die behandelnde Krankenschwester macht. Auch großartig sind die volltrunkenen Auseinandersetzungen mit dem Vater im Wohnzimmer, die er hier und anderer Stelle variantenreich schildert. Das Erbrechen auf die elterliche Garnitur wurde nie mehr so brillant als Akt jugendlicher Befreiung geschildert!
12. April 2009 um 14:37
Man kann Bukowski hassen oder lieben, aber dieses Buch sprengt den üblichen Rahmen seiner Besoffensein-Schlagen-und-Ficken-Literatur. Hier geht es Verletztwerden, um Dinge, die einen Menschen sein Leben lang beeinflussen. Das Buch berührt vielmehr mit Bukowskis-Enttäuschtsein von der Menschheit, wobei beispielhaft hier die Geschichte von der Katze, die von anderen Kindern einem Hund zum Töten vorgeworfen wird, genannt sei.