MV tut gut.

Die Überschrift ist nicht einfach ein Werbeslogan, weitab von der Wirklichkeit in einer Agentur erdacht, sondern echtes Lebensgefühl in Mecklenburg-Vorpommern. Den Beweis dafür erbringt das Statistische Amt Mecklenburg-Vorpommern auf knapp 500 Seiten, die gefüllt sind mit Zahlen, Tabellen, Graphen und Definitionen. Besonders die Letzteren glänzen durch eine Klarheit, sodass man am besten die Augen schließt und einfach nur genießt. In der Zeichenerklärung wird auch das Zeichen „0“ – im Volksmund gemeinhin als Null bekannt – näher erläutert: „Weniger als die Hälfte von 1 in der letzten besetzten Stelle, jedoch mehr als nichts.“ Dagegen fällt die Erklärung des „Familienstandes“ schon etwas ab. „Es wird unterschieden zwischen ledig, verheiratet getrennt lebend, verheiratet zusammenlebend, geschieden und verwitwet. Personen, deren Ehepartner vermisst ist, gelten als verheiratet und Personen, deren Ehepartner für tot erklärt worden ist, als verwitwet.“
In Mecklenburg-Vorpommern tut man alles für die Touristen und man tut es gut. Die ohnehin schon geringe Zahl von 74 Einwohnern/km² wird noch weiter gesenkt. Zum Einen durch Bevölkerungsrückgang (Abwanderung, Gestorbenenüberschuss) und zum Anderen durch Vergrößerung der Fläche. In den letzten zehn Jahren ist das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern um 10 km² gewachsen. Wenn die Zunahme von einem Quadratkilometer pro Jahr kontinuierlich fortgesetzt werden kann, ist Mecklenburg-Vorpommern etwa im Jahre 336000 Deutschland. Harald Ringstorff wird dann Angela gerufen und Schwerin wird eine Hauptstadt am Rande sein.
Die Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns achten sehr auf ihre Ernährung. So stehen pro Einwohner (1.707.266) etwa ein Apfelbaum (1.727.684) und eine Legehenne (1.669.253) zur Verfügung und auch die Milchleistung je Kuh hat sich gut entwickelt.
MV tut allerdings unterschiedlich gut. So kommen 1.125 Stralsunder mit einem Zahnarzt aus, während die gleiche Anzahl Greifswalder derer zwei benötigt.
Noch lieber als in Hotels und Pensionen (Auslastung ca. 40 %) übernachtet man in MV in Vorsorge- und Rehakliniken (Auslastung ca. 75 %). Aber auch die Campingplätze ziehen Besucher aus aller Welt an. Im Jahre 2005 kamen aus Asien zehn Japaner, acht Israelis, ein Chinese und ein sonstiger Asiate.
Auch die Kultur Mecklenburg-Vorpommerns tut gut und wird gut angenommen. So erfährt man im Jahrbuch, dass der Ballettsaal im Greifswalder Theater eine 90-prozentige Auslastung hatte. Bei der einzigen Veranstaltung des Jahres 2005 waren neun von zehn Stühlen besetzt.
Die meisten Touristen werden natürlich wegen der Landschaft nach Mecklenburg-Vorpommern kommen und da hat das Bundesland Einiges zu bieten. Neben Meer und Seenplatte wird auch der Gebirgszug in Mecklenburg-Strelitz gern besucht. Die Statistiker haben die Bergkette in einer Tabelle unter der Überschrift „regionale Bodenerhebungen“ versteckt. So viel Bescheidenheit muss aber gar nicht sein, können die Helpter Berge mit 179 m über NN sich doch wirklich sehen lassen. In Mecklenburg-Vorpommern scheint man sich aber seiner Berge zu schämen und so bekam die vierthöchste Bodenerhebung den schlichten Namen „Kuppe nördlich von Schlicht“.
Die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern sind ausgeglichen und unvoreingenommen. So verteilten die NPD-Wähler ihre Erststimme mangels eigener Kandidaten recht gleichmäßig auf PDS, Grüne, FDP und SPD. Nur die CDU hat deutlich mehr bekommen.
Als letzte Absicherung kann der Tourist vor seiner Reise nach Mecklenburg-Vorpommern noch einen Blick auf die Kriminalstatistik werfen. Die Zahl der erfassten Delikte sinkt und die Aufklärungsquote steigt. Trotzdem sollte man diese Statistik nicht abends im Bett lesen.
Das Statistische Jahrbuch Mecklenburg-Vorpommern 2006 ist als Hardcover in einer Auflage von 450 Exemplaren erschienen. Es umfasst 480 Seiten, kostet 23,00 Euro und kann beim Statistischen Amt Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin bestellt werden.

31. Dezember 2006 um 16:46
Das Buch brauche ich unbedingt! Das muss ich meinem Sohn vorlesen, wenn er nicht artig war. Das ÖRTLICHE haben wir leider schon durch.
Was mich dabei nur interessiert ist, ob ich die Leute bezahle, die solche WERKe verzapfen ..??? Kann ich die auch entlassen?
Tja und zum Wahrheitsgehalt dieser Idiotie möchte ich nur noch die altbekannte Weisheit loswerden: “Es gibt die EINFACHE Lüge, die GEMEINE Lüge und … die Statistik”, außerdem: “Glaube nie einer Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!” …
In diesem Sinne: Frohes Neues, liebe Brüder und Schwestern! Ich geh jetzt knallern, auch wenn ich mich, angesichts des Mottos “Brot statt Böller” schon immer gefragt habe, welches Brot ich denn überhaupt mit Zündschnur kaufen kann …
2. Januar 2007 um 15:13
Mir scheint, die Mecklenburgisch-Pommernsche Expansion wird sich logaritmisch vollziehen, d.h. das Wachstum bleibt prozentual der Größe von MV, wächst also proportional.
Also verhält sich das Wachstum wie Zins und Zinseszins. Tatsächlich brauchen wir dann bei einer jährlichen Ausweitung um 0,043 % nur bis ins Jahr 8346 zu warten, bis Gesamtdeutschland mecklenburg-pommersch ist, nach ca. weiteren 15.000 Jahren gleicher Wachstumsprognose sollte die Landfläche der Erde von der stetig wachsenden Enklave unter Kontrolle gebracht sein.
Was danach folgt ist ein neu zu schreibendes Kapitel in der MeckPommBurgica, die Eroberung von extraterrestrischen Welten unter Schirmherrschaft der einstigen Bauern und Seefahrer.
2. Januar 2007 um 16:22
Echt ‘ne witzige Idee, über die Länge des geschriebenen Artikels die Langweiligkeit des Jahrbuches auszudrücken!
2. Januar 2007 um 19:05
Bitte auch mal auf das Cover achten! Additiver Zentralkubismus zwischen Mecklenburgischer Lang- und Mittelwelle. Raffiniert, wie man (Abb. links) die gelbe »6« für das Statistische Jahr untergebracht hat. Wir wagen mal eine Prognose für den 2007er Buchumschlag (Abb. rechts): Die »7« wird bestimmt dabei sein, dazu ein dekoratives Hansesailboot. Und zum Gipfel: acht »G’s«. Die Schriften auf dem 2006er Cover waren schon recht verschieden und von vielen Richtungen aus lesbar – dieser Effekt wird wohl noch weiter gesteigert. Da man das graphische Sanitärkonzept von einem Wechselbad behaglicher Warm- und Kaltwassertöne sowie leuchtenden Harnfarben nicht aufgeben möchte, sind farblich aber kaum Überraschungen zu erwarten…
2. Januar 2007 um 19:17
Lieber Peter,
ich danke Ihnen für diese wunderbare Rezension eines der letzten Meisterwerke des sagenumwobenen Jahres 2006. Ich könnte mir vorstellen, dass die Grafikerin des Leipziger Zoos ( http://www.annegret-haensel.de/ ) hier mitgemischt hat.
2. Januar 2007 um 19:45
Herr Bloehe,
wir beide wissen, dass Gretel Hensel viele Kilometer südlich ihr naives Wesen durch die Savannen des Tierparkdesigns treibt. Mit den Schlagschattensafaris der zootigen Grand Dame hat das aufgeweckte, zuweilen etwas kantige Spiel der Warnfarben – wie wir es auf dem Jahrbuch erleben – ja nun wirklich nichts zu tun! Meine Vermutungen gehen da in eine ganz andere Richtung…
Mehr dazu aber später. Ich muß noch zum Augenarzt: mir die Zapfen richten lassen. PS: Schauen Sie nicht zu lange auf die besprochene Illustration!
3. Januar 2007 um 00:53
Schon wieder muss ich Bayer mich über so eine Stänkerei aus dem Norden ärgern. Erst zickt eine Landrätin in Fürth herum, nun kommt neues Unheil aus dem fernnördlichen MeckPomm: Das Land wuchert um einen Quadratkilometer per Anno. – Wenn das so weiter geht, sind wir Bayern bald nicht mehr die Größten! – Zum Glück gibt es aber, und da scheitert der oberschlaue Autor mit seinem Forecast von dem übergroß gewordenen Ländchen, hähää!, die globale Erwärmung: Habt Ihr noch nicht gemerkt, Ihr Ahnungslosen, dass die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt, und damit Euer Landgewinn, einem potemkinschen Dorf gleich, zurück gespült werden wird ins Meer. – Wir bleiben eben doch die Größten!!!
3. Januar 2007 um 22:01
Traurige Aussichten für Bayern. Entweder kommt MV im ringstorffschen Tempo mit obigem Quadratkilomter pro Jahr oder völlig außermecklenburgisch mit einer Sturmflut. Und Stoibers Unfähigkeit mit Letzterer umzugehen ist bekannt.
4. Januar 2007 um 15:41
Etwas Gutes hat die ganze Sache mit der Sturmflut ja. Meine geliebte Ostsee kommt mit mir, wenn ich zwangsweise nach Bayern umgesiedelt werde. ..
P.S:
Vielleicht kann man ja dann auch – wie ein berühmter Visionär einmal laut dachte – vom Hauptbahnhof in München …ähhh …
guckst Du hier: http://www.rhetorik.ch/Aktuell/06/01_06.html
4. Januar 2007 um 22:34
Dank Gunnar Bloehes Einwurf ist mir nun klar geworden, warum sich hier plötzlich so viele für den Umweltschutz – das heißt gegen den Klimawandel engagieren: Man sieht die Flut kommen; lauter Gunnars werden wegen der großen Welle nach hierher umgesiedelt… lauter Problem-Seebären!!!! – Das motiviert!
– …Und was meint er mit: “…vom Hauptbahnhof in München…”? – In See stechen, etwa?? – Was haben wir doch für einen großartigen Visionär als Freistaatsvater!
5. Januar 2007 um 14:07
Das könnte sich in der Tat zu einem echten Problem(bärenrudel) entwickeln. Wenn man in Bayern 2 Wochen benötigt, um mit Hundertschaften kampfeslustiger Jagdgesellen EINEN Problembären zur Strecke zu bringen, dann dürften die vielen Seebären unser geliebtes Bayern im Nu überrennen. Hoffentlich laufen/schwimmen sie nicht vorbei.
22. Februar 2007 um 11:22
[...] Auch Osteuropa-Experte, Szene-Gourmet und Fundraiser Holger Blauhut zählt glücklicher Weise hie und da zur schreibenden Stammbelegschaft des erlesenen Zirkels. Viel zu selten hörten wir dagegen von unserer verehrten, geheimnisvollen Reiseschriftstellerin Uschi, die just aus Asien heimkehrte: Sawadee Kha, Blume des Orients! [...]
20. Juni 2007 um 11:03
[...] Hier noch einige statistische “Augenzwinkereien”, die belegen, wie gut MV [...]
20. Juni 2007 um 11:07
Toller Beitrag, der auf unterhaltsame Art & Weise das “Bürokratentum” (nicht nur) in Mecklenburg-Vorpommern auf’s Korn nimmt. Auch wir veröffentlichen des öfteren Satirisches/ Kritisches zu Politik, Gesellschaft & Co. unter ruegenerleben.de
Weiter so!
Euer ruegenerleben – Team
29. November 2011 um 03:27
Oh my goodness! an amazing article. Thank you!