LP-Tipp: Galakonzert mit Emil Gilels
Um es gleich klarzustellen: Ja, ich bin ein Gouldianer.
Als Gouldianer werden Freunde der Klassischen Musik bezeichnet, bei denen die eigenwilligen Interpretationen des kanadischen Pianisten Glenn Gould flammende Begeisterung hervorrufen. Alle anderen Klassikfreunde bewerten die Gouldschen Einspielungen für gewöhnlich als totalen Mist (die Weltlichen) oder wollen noch nie von ihm gehört haben (die Religiösen).
Neben Goulds Aufnahmen allerdings gehört zu meinen Lieblingsplatten ein Konzertzusammenschnitt des gänzlich anders auffassenden, aber nicht weniger brillanten Emil Gilels. Sicher, ich kenne nur einige Pianisten und habe dazu nur von einer Handvoll Audiomaterial. Geschweige denn, deren Konzerte besucht zu haben.
Besagte Scheibe jedoch, die für wenig Geld als Zonenrestbestand zu erwerben war, kann ich für mich nur als Offenbarung bezeichnen. Das Teil ist mittlerweile so oft über den Teller gelaufen, dass für einen Außenstehenden bei all dem Gekratze und Geknacke kaum mehr ein Genuß zu vermuten wäre.
Standesgemäß J.S. Bach zu Beginn und zum Ende der Doppel-LP, dazwischen Beethoven (da kratzt es viel weniger), Prokofjew, Medtner und … tatsächlich hat es der Typ mit seinem Spiel geschafft, mich mit der Romantik zu versöhnen. Ravel und Chopin klingen unter seinen Fingern einfach wunderbar.
Nebenbei bemerkt ist die nunmehr vergilbte Ausgabe auch optisch ansprechend, eine Zierde in jeder Ernsten-(Musik-)Plattensammlung.
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- Guck mal im Antiquariat: erschienen bei Melodia und Eterna Mitte/Ende der 70er
- Gilels bei amazon
- Glenn Gould spielt J.S. Bach – Goldberg Variations (1981)


26. März 2008 um 08:34
Oho, mein Leib- und Magenthema – der Goldianismus. Goldianer bin ich bereits seit meinem dritten Lebensjahr, als mein Vater mir aus der Pforzheimer Niederlassung der Commerzbank meine erste Goldi-Spardose mitbrachte. Seitdem sind es 36 geworden – zu jedem Weltspartag eine. Und noch heute sponsort die Commerzbank in jedem Sommer die Goldparade mit vielen goldenen Stimmungshits des großen Meisters. Lob sei Dir, Gernot!
26. März 2008 um 12:03
Goldianer? Ich als Zonenkind hatte natürlich eine »Sparbüchse« aus Blech! Eigentlich wars eher eine Art verschließbare Hundehütte mit rotem Schindeldach. Der darauf abgebildete Struppi steckte immer seine riesige, verschiebbare Zunge heraus, auf die man das Spargut legen konnte. Blumen und Vögel waren auch noch aufgemalt. Mann, war die Welt da noch in Ordnung.
26. März 2008 um 12:15
Ihr seid ja goldig.
Aber mal ehrlich: Was hat es denn genutzt, das ganze Sparen?
26. März 2008 um 12:24
Es wurde bei der Einführung der D-Mark und des Euro 2mal halbiert.
26. März 2008 um 13:19
Tja, die Brötchen kosten jetzt ja auch 50 Cent – macht 1 DM, macht 2 Ostmark, macht 4 Reichsmark, macht 8 Reichstaler, macht 16 trächtige Rinder, macht 32 silberne Faustkeile. Ist doch reiner Wahnsinn, wie der kleine Mann in den letzten 100.000 Jahren von den Banken geprellt wurde!
26. März 2008 um 15:17
@”…macht 4 Reichsmark, macht 8 Reichstaler, macht 16 trächtige Rinder…”
Ah, da ist er wieder der Herr Berufsdemagoge! Man merkt Ihnen die Herkunft bei solchen Themen schon noch ein wenig an, mein Lieber. Man muss nicht in die Steinzeit zurück rechnen um festzustellen, dass die Profite auf der Geldseite Deutschlande in den letzten Jahren explodiert sind und zugleich die Inflation überproportional gestiegen. Die innerdeutsche Kaufkraft ist weniger als mässig und gute Leistungen (auch Agenturleistungen) werden schlecht – wenn überhaupt entlohnt. Das ist ein trauriger Fakt, der uns alle bei der Arbeit bremst. Anders als in vielen anderen Ländern, lohnen sich Leidenschaft und Leistung deshalb in Deutschland kaum. Milchbrötchenrechnung hin oder her!
26. März 2008 um 15:28
Ganz so ernst habe ich den hiesigen Diskurs gar nicht begriffen, da mir lediglich das ständige, seltsame Umrechnen als Running Gag mancher Ossis und Omis vertraut ist. Darüber sollte man sich wundern und amüsieren, aber sicher nicht ärgern.
Dass man mir die Herkunft anmerkt, freut mich allerdings – erlaubt sie doch einen unbeschwerten und eigentlich gänzlich undemagogischen Umgang mit der manchmal etwas engen Perspektive des Gegenübers: Böse Kapitalisten, böse Ausländer, böse Steuerhinterzieher, böse Kinderschänder, böse Holzblockwerfer… Naja, was halt morgens immer so auf der Zeitung mit den großen Lettern draufsteht, oder?
26. März 2008 um 15:44
@ “Ossis und Omis”
Nein, nicht wieder die Ost-West Nummer. Bitte! Mit Geldseite Deutschlands meinte ich jene, bei denen am Monatsende Geld übrig bleibt. Die heute noch sparen können. Nicht jene, die Tag für Tag frühestens abends um 7 Feierabend haben, bei denen ausser Arbeit nicht viel passiert und trotzdem nichts hängen bleibt.
26. März 2008 um 17:21
@ Bäuerle & Lück
Dem Autor Winkler wird aber auch nicht eine Anmerkung zu seinen Artikel gegönnt und am Ende der Kommentare steht dann noch ein larmoyantes: “bei denen außer Arbeit nicht viel passiert und trotzdem nichts hängen bleibt”
Ja Jungs, das tut mir nun wirklich leid für Euch.
Mit dem angeblich so genialen Gould konnte ich nie etwas anfangen (die Geschichte eine Pianisten der einen an der Waffel hatte fand ich aber sehr unterhaltsam)
Meine Kontakte zur Klassik beschränken sich derzeit auf das morgendliche Hören eines Konzertes für Klavier und Orchester von Mozart in der U-Bahn Station. Meist in einer völlig totgehörten Interpretation von Rubinstein. Wirkt aber immer noch beruhigend, wenn ich auf dem Weg dahin bin, wo außer Arbeit nicht viel passiert und trotzdem was hängen bleibt.
26. März 2008 um 17:37
Und wo ordnen Sie sich da jetzt ein? Und wo mich? Also, was ich so durch meine von ihnen gerne angesprochene Herkunft gelernt habe, ist folgendes: als Selbständiger arbeitet man eigentlich rund um die Uhr und zahlt sechzig Prozent Steuern. Was hängen bleibt, ist dann häufig die linke Gesichtshälfte nach dem ersten Schlaganfall.
Der rosige 55-jährige Ex-Facharbeiter und Frührentner, der – genau wie sein Kumpel, der Arbeitlosengeld kassiert und nebenher schwarz arbeitet – gerne über die Großkopferten meckert, hat in seinem ganzen Leben nicht bis 19 Uhr gearbeitet und kassiert jetzt trotzdem eine ordentliche Rente, oder? Übersehe ich irgendwas?
26. März 2008 um 17:46
Abgesehen von der ordentlichen Rente, die es für die beschriebenen Tätigkeiten / Lebensformen NICHT geben kann, vermisse ich eigentlich nur einen klitzekleinen Sidekick zum o. g. Artikel. Aber ich seh schon, der Tag war hart….
26. März 2008 um 18:00
Herr Richter ein freundliches, larmoyantes Hallo in Ihre schöne Welt, die immer so rundum in Ordnung ist. Glenn Gould kannte ich vor diesem Beitrag gar nicht und dass, obwohl ich längst nicht so lange arbeiten muss. Wann beginnt denn das Konzert? Ein paar Freikarten haben Sie doch bestimmt noch.
26. März 2008 um 18:08
Acuh wenn ich eventuell der Autor des obigen Artikels bin, kann ich Herrn Richters Kritik durchaus nachvollziehen.
Auf der anderen Seite ist dem Autor sicherlich klar, dass er mit der Preisung von alten Klassikaufnahmen nicht gerade die glitzernde Werbewelt in Aufruhr versetzen wird.
Es scheint einfach auch zum duzenten Male interessanter zu sein, sich über Gehälter (der anderen) zu unterhalten, also über solche Themen.
Nun, besonders schlimm finde ich das nicht. Bin ja selbst auch nicht gerade für übertriebene Sentimentalität bekannt. Aber etwas Abwechslung täte schon gut. In diesem Sinne
26. März 2008 um 18:14
@ Ein paar Freikarten haben Sie doch bestimmt noch.
Sicher! Den Mozart gibt es hier
HH HBF SÜD UBahn Aufgang ZOB 0800
Den Pianisten mit der Waffel am Kopf gibt es hier:
http://s3.amazonaws.com/findagrave/photos/2001/283/2128_1002819452.jpg
26. März 2008 um 18:27
@”Es scheint einfach auch zum duzenten Male interessanter zu sein…”
Ja, ich werde demnächst meine vierteilige Serie “Das Rauschen bei weitwinkligen Kompaktkameras” starten. Wehe mir kommt da einer vom Thema ab und spricht über Geld!
26. März 2008 um 18:27
In diesem Sinne:
Glenn Gould hatte ganz sicher einige Eigenheiten und diverse Macken. Nichts allerdings – was besonders unter Künstlern – aus dem Rahmen fällt. Das kann man von seinem Spiel allerdings schon behaupten. Der Typ war aufgrund seiner ersten Plattenaufnahme den 50ern so bekannt wie ein Popstars.
Also nochmal: Anfang 50 in Amerika. Mitten in der R’nR Zeit kaufen sich die Teenies massenweise eine Scheibe von einem unbekannten kanadischen Pianisten, der ein völlig unbekanntes Stück von J.S. Bach spielt. Nicht unbedingt ein Argument für die Musik, aber eine schräge Story allemal.
26. März 2008 um 18:28
@ ZOB 0800
Ist die Stadtion gut geheitzt? Sie wissen dch ich fahre so selten Bahn.
Wieviel Uhr?
26. März 2008 um 18:31
Dein Kamerarauschen gegen mein Plattenkratzen. Das sind ja schöne Aussichten
Zumindest über Zuspruch zum Beitrag brauche ich mich ja nicht zu beschweren. Ist natürlich nicht mein Verdienst.
26. März 2008 um 18:34
Ok, der Goldianismus kam vom Wossi aber sonst?! Vier Freaks und kein Grund. – wie im Fernsehen!
26. März 2008 um 21:41
@Ekki ich arbeite immer (21:40 Uhr) noch. Aber hängen tut noch nichts.
27. März 2008 um 10:07
Das liegt dann wohl an der wilden Website, an der Du um diese Tageszeit gerade arbeitest. Verletze dich bitte nicht dabei, denn ein Arbeitsunfall sieht deutlich anders aus.
27. März 2008 um 10:09
Mein nächstes Thema lautet: VHS oder Video 2000 – Killerkriterien für Bandformate. Quellenverweis: »Homevideo«, August 1983.