Rezension mit Unwohlsein
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Ich, der SS-Mann: Jonathan Littell hat in seinem Roman »Die Wohlgesinnten« auf rund 1.400 Seiten den Holocaust aus ungewöhnlicher und zugleich persönlicher Perspektive beschrieben. Der Ich-Erzähler ist ein Mitglied der SS, das wir vom Beginn der systematischen Judenvernichtung bis zur Kapitulation 1945 begleiten.
Dieser SS-Mann gehört nicht etwa zu den Kampftruppen der Waffen-SS, sondern zu jener politischen, »schwarzen SS« und dem SD – dem Sicherheitsdienst – die maßgeblich für die politische Unterstützung, Planung und Durchführung des millionenfachen Mordes an Juden, Zigeunern, Behinderten, religiös und politisch anders denkenden Verantwortung trugen.
Das Buch ist ein Strudel aus Gewalt und Perversion, aber nicht nur das – die Hauptperson Maximilian Aue ist, wie viele seiner SS-Kollegen, ein Bildungsbürger reinsten Wassers und außerdem schwul. Zwischen Erschießungen, Vergasungen und Verwaltungsaufgaben genießen er und seine Mittäter die gastronomischen Spezialitäten der durchkämmten Länder, führen Diskussionen über kompositorische Vorzüge von Brahms und das als primitiv eingeschätzte Werk Wagners.
Außerdem wird während des Vormarsches nach Osten die reiche Kultur des europäischen Judentums bei Museums- und Synagogenbesichtigungen bewundert – während ihre Träger wie Bakterien getötet werden.
Wir erfahren viel über die Persönlichkeit des stillen, kulturell vielseitig interessierten, höflichen und formvollendeten SS-Mannes Maximilian Aue. Er ist kein stupider, sadistischer Schlächter, sondern ein kreativer Kultur- und Genussmensch. Allerdings auch ein überzeugter Nationalsozialist und pflichtbewusster Soldat, der häufig auftragsgemäß und gegen die eigenen Überzeugungen handelt.
Was sagen uns Littell und sein viel diskutiertes Buch? Es kann wieder geschehen. Die Täter sind heute schon unter uns und warten. Es morden nicht nur die Dummen und Sadisten. Die Frage ist eher, ob sich dem Menschen Gelegenheiten bieten. Sehr lehrreich!

12. Juli 2008 um 04:00
moin herr bäuerle, sie haben das ding wirklich gelesen? chapeau, womit ich nicht die anzahl der seiten meine, das thema ist aber wirklich öde
12. Juli 2008 um 09:41
Das hoch gefeierte Werk von Litell soll dem vernehmen nach ( steht noch auf der “mussbuchlesenliste” für dieses Jahr ) alles andere als Öde sondern zu weile deutlich zu aufwühlend. Das Thema als öde zu bezeichnen empfinde ich als ehh ein wenig unpassend.
Ansonsten tolle Rezension, mach lust auf mehr.
14. Juli 2008 um 11:42
@ Das Thema als öde zu bezeichnen empfinde ich als ehh ein wenig unpassend.
Wieso nicht? Seit gut 60 Jahren wird wöchentlich mindestens ein Artikel/ Buch/ Beitrag zum Thema Auschwitz, Hitler, etc. veröffentlicht bzw. gesendet. Die Story eines schwulen SS Offiziers und seine Sichtweise auf den Horror der Vernichtung fehlte da natürlich noch. Ganz Sicher.
Das Buch dürfte einige ambitionierte Junghistoriker, die nicht das 10. Buch über Zwangsarbeiter bei VW schreiben wollen, auf die Idee bringen, da sich hier ein neues Themenfeld auftut. Ich sehe schon Sozialstudien mit Titeln wie: Homosexualität in der SS Panzerdivision Großdeutschland.
14. Juli 2008 um 13:23
Herrje, Ekki, warste wieder schneller als ich, habe erst die ersten 200 Seiten davon gelesen. Aber wenn ich Dich richtig verstehe, geht das jetzt auf den nächsten 1200 Seiten genauso weiter.
Die Lektüre ist all jenen anzuempfehlen, die irgendwie den Eindruck haben in der heutigen Zeit mit Grausamkeiten konfrontiert zu werden. Alles zum Totlachen im Vergleich zu WK2-Erfahrungen.
20. Juli 2008 um 12:46
@Martin
Richtig, jeden Tag leißt oder hört man von Hitler hier, und Göbbels da.
Aber was den einzelnen bewog, derart Unmenschliches zu vollbringen, und warum es von ihnen Millionen gab, das ist noch wieder was anderes.
Jedes Kind weiß, das Hitler ein kranker Sadist voller Hass war. Oder das Himmler jenseits von Gut und Böse war. Aber solche Menschen gibt es jederzeit. Die Frage ist doch nur, wie ihnen Millionen folgen konnten, und ob diese Millionen so ganz verschieden von den Millionen sind, die heute hier die sogenannten Deutschen bilden. Alles andere als uninteressant.
22. Juli 2008 um 14:42
@ Die Frage ist doch nur, wie ihnen Millionen folgen konnten, und ob diese Millionen so ganz verschieden von den Millionen sind, die heute hier die sogenannten Deutschen bilden.
Die Frage nicht ernst gemeint, oder?