RTL: Rent a Baby!

Als Fernsehfamilien noch heil schienen: Caroline Ingalls in »Unsere kleine Farm«.
photo credit: dno1967
Klagen diverser Kinderschutzvereine konnten das neue TV-Format »Erwachsen auf Probe« nicht stoppen: Gestern abend lief das Skandalprogramm erstmals über den Familiensender RTL. Was da in einer langatmigen Doppelfolge ausgestrahlt wurde, verbreitete aber weder Angst noch Schrecken, sondern vor allem gähnende Langeweile.
Echte, lebende Babies bekamen die Jugendlichen, die am Test ihrer elterlichen Fähigkeiten vor breiter TV-Öffenlichkeit teilnahmen, erst am späten Abend zugeteilt.
Zu Schaden kam hier offensichtlich kein Säugling, sondern nur der Leumund der bloßgestellten Minderjährigen, die sich sehr schwer damit taten, auch nur einfachste Pflegeaufgaben zu erledigen. Andererseits stellt sich die Frage, wer Babies für ein solches Programm zur Verfügung stellt.
Zurück bleibt nach Betrachtung dieses ungute Gefühl, dass man sich hier erneut auf Kosten unterprivilegierter Jugendlicher bestens unterhält. Tragisch, nicht komisch!

4. Juni 2009 um 10:59
Wir schreiben das Jahr 2011. In einer kleiner 1-Raumwohnung sitzt Ines B. vor Ihrem 40 Zoll Flachbild-Tv und zappt sich durch die Annalen des Privat-Tv´s. Auf Sat1 läuft gerade die Pilotsendung “genial hinüber”, die neue Knastausbruchshow moderiert von Rechtsanwalt Ingo Lenßen. Ines B. findet das Thema zu langatmig und schaltet weiter zu RTL, direkt in eine “Live-Aufzeichnung” von “DSDS Comebacks” mit Dieter Bohlen. Bislang komplett vergessene DSDS-Gewinner treten gegeneinander an, um den RTL-Managern zu neuen kurzweiligen Reichtum zu verhelfen und anschließend wieder in der Versenkung zu versinken. Ines B. ärgert sich. Wird ihr doch gerade bewußt, dass sie ihre Lieblingssendung “Bauer schächtet Sau” verpasst hat. Ein äußerst blutiges TV-Format, welches alle Methoden der Schlachtung von Haustieren behandelt. Ines B. ist Dank dieser Sendung Vegetarier und hat bereits etliche vor dem Fernseher angefressene Pfunde wieder verloren. Ines B. hat keine Freunde, weil sie keine braucht. Ihr soziales und damit gesellschaftliches Leben führt sie vor dem TV-Gerät. Ines B. ist eine von knapp 50.000.000 Millionen TV-Durchschnittskonsumenten Deutschlands. Ines B. stellt den repräsentativen Standart dar.
aahhhhhhhhhhhhhhhh …
Laufen eigentlich noch irgendwo gute Filme im TV?
4. Juni 2009 um 11:06
» Lohnenswert: Christian Kesslers TV-Tipps
4. Juni 2009 um 11:46
cool. das ist doch mal ein tipp mit grip.
4. Juni 2009 um 11:48
Ich gucke da gerne, besonders fasziniert mich hier der gänzliche Verzicht auf Layout und Programmierungskünste.
4. Juni 2009 um 11:57
Also ich finde das Fernsehen – ich kann hier nur “Private” sprechen – sehr auf die Bedürfnisse und Wünsche des Zuschauers abgestimmt. Die hier geäußerte pseudointellektuelle Kulturkritik juckt mich nicht für einen Sechser! Wenn Ihnen das Fernsehen der Privaten zu niveaulos ist, dann schauen sie doch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen rein, oder gegen sie ins Pay TV oder gleich in Netz.
Aber das kostet ja eventuell was und die öffentlich-rechtlichen Sender sind ja auch nicht mehr das was sie mal waren (dafür können die “Privaten” übrigens nix!)
Oooh, es gibt es kein GRATIS Fernsehen das ihren Ansprüchen genügt. Wie schade. So ist er, der böse, böse Kapitalismus….
4. Juni 2009 um 12:05
Herr Richter! Sie sitzen über den Dächern Hamburgs auf Ihrem Drehsesselchen aus Schäferkordt und erläutern den Zonalen die Marktordnung. Nichts gegen Ihre gesunde Arroganz – und dennoch: Muss es immer – DSDS, Frauentausch, Babyverleih – nicht vernehmungsfähiges Prekariat sein, das für den Hochmut des Kleinbürgertums herhalten muss? Bei DSDS hatte ich mehrfach den Eindruck, dass hier tatsächlich geistig behinderte Menschen antreten dürfen, um von einem braungebrannten Multimillionär und seinen Fans ausgelacht zu werden. Muss das denn sein?
4. Juni 2009 um 12:47
@Drehsesselchen aus Schäferkordt
Natürlich muß das nicht sein und die Weißflogsche Kritik hat ja auch ihre Berechtigung.
Ich hab aber bei diesem Lamento immer den Eindruck, das hier etwas nicht verstanden wird: Fernsehen ist der kleinste gemeinsame Nenner, die große Gießkanne für den Massengeschmack also was solls. Und der Verstand der Masse, des Bürgers bzw. der Konsumenten wurde mal so beschrieben: Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler – Winston Churchill
Ja ich weiß, den Spruch hab ich hier schon mal gebracht, aber egal.
Und im Übrigen, ich sitze auf Vitra.
4. Juni 2009 um 13:09
Grins. Fein fein. Mein Lex sollte eigentlich der Vergegenwärtigung dienen und ein wenig an den Gegebenheiten rütteln. Klaro ist der TV-Alltag, ob privat oder öffentlich rechtlich, Spiegelbild seiner Konsumenten. Soweit sind wir in unserem Kulturanspruch eben gesunken. Kann man eigentlich noch von “Kultur” reden? Im Übrigen bette ich mein Gesäß auf nem Büroschemel von Norma. Wohl auch eine Frage von Sitz- und Kapitalkultur.
4. Juni 2009 um 13:47
Ich sitze, also bin ich. Jedoch: Kultur ist in der kleinsten Hütte. Denken Sie an Bakterienkulturen und Freikörperkultur, da ist für jeden etwas dabei.
4. Juni 2009 um 14:20
Stimmt. Ich vergaß.
4. Juni 2009 um 14:29
Nein, ich muss mich entschuldigen. In meiner nassforschen Art übersah ich Ihren wertvollen Hinweis auf die Sitzkultur. Damit ist meine Folgepointe erloschen. Ich ziehe sie hiermit – ehrenhaft – zurück. Satisfaktion Ihrerseits wäre also ganz überflüssig!
8. Juni 2009 um 09:13
Wer es beobachtet, wird allerdings feststellen, dass heutzutage nicht mehr das Format an den Durchschnittskonsumenten gekoppelt ist bzw. aus dessen Interessen hervorgeht, sondern vor allem die Privaten es sich leisten, dem Normalo vorzuschreiben, was er gern sehen möchte. Das Schlimme dabei ist nur, dass der Normalo das mitmacht und kein wirkliches Instrument besitzt, diesen Trend zu stoppen. Es sind also nicht unbedingt die Bedürfnisse des Normalos, die solch Schwachsinn sprießen lassen, sondern die Programmdirektoren, die da meinen, je skurriler, desto höher die Einschaltquote – und es klappt!
Der Mensch ist insgesamt so gestrickt, dass er immer noch einen draufsetzen muss. Solange sich also niemand unserer Oberhäuptlinge wie Dieter B. u.a. findet, der öffentlich propagert und vorlebt, dass Dokus wie “Der Löwenmann” cool seien, Politikdebatten hipp und eine Reportage über Klimaerwärmung total abgefahren wäre, wird sich das nicht ändern.
Ich empfehle den Film FREE RAINER mit Moritz Bleibtreu – etwas pathetisch und blauäugig zwar aber am Thema und interessant!
27. Juni 2009 um 23:44
http://www.rent-a-baby.de – dies scheint keine reality show mehr zu sein, sondern realer alltag. wir sind der apokalyse nahe …