Von Schreihälsen und Kinderlosen

photo credit: Elizabeth Anne Photography
Kinder machen glücklich, mich allerdings ausschließlich eigene: Singen fremde Blagen neunundneunzig Mal in buddhistischem Singsang »Nackedei, Nackedei, alle ham heut nix dabei!« oder »Eiiin kleines Trampeltier, trampelt da und trampelt hier«, dann nervt es und stört bei der Lektüre des Kulturteils der Süddeutschen.
Leibliche Kinder dürfen das. Man findet ihr Gedudel kreativ, niedlich, urkomisch und auf eine absonderliche Art sogar irgendwie weise. Die Natur hat es so eingerichtet, das selbst die verschämte Kritik Dritter den inneren Clint Eastwood weckt. »Geht das etwas leiser?« fragt die BWL-Studentin im Bus ganz schüchtern. Klick – der Sperr-Riegel an der inneren 45er ist entsichert. Was man nun über das dekadent-egoistische, kinderlose Gegenüber und seine Rentenansprüche denkt, ist nicht zitierfähig.
Früher fand ich Kinder so faszinierend wie einen Rasenmähermotor bei Vollgas: Kraftvoll in der Wirkung, aber nur für drei Sekunden von Interesse. Heute schubse ich eine volle Stunde lang meine Tochter auf der Reifenschaukel an, während sie mir alle 30 Sekunden »Doller! Doller!« zuschreit. Ich bin glücklich! Ist das normal?

23. September 2009 um 08:19
Absolut normal. Man sieht die Welt mit anderen Augen, wenn man sich erst einmal reproduziert hat. Ein ganz krasses Beispiel stellt gar meine Frau dar. Ich welchen Kinderwagen auch immer sie blickte, 5 Meter weiter teilte sie mir mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,999% mit, wie häßlich doch dieses Gör sei. Nachdem unser Töchterchen zu Welt kam, sind es lediglich noch 99,998% die sie erschrecken. Unser Kind jedoch ist die Schönste von allen.
Meine Kleine hat mich neulich knapp eine Stunde lang mit Nasendreher gequält. Ich habe nur unter Schmerzen entgegnet: “Nein Engel, das tut den Papa weh”. Ein anderes Kind hätte ich wohl schon längst an den Ohren an irgendeiner Wäscheleine aufgehängt.
Ist das normal?
23. September 2009 um 08:36
Absolut normal.
23. September 2009 um 11:24
Ich darf ja nun auch mitreden
Zumindest was die schreienden Kleinen angeht. Mein Schnurzel ist Gott sei Dank nicht so ein Schreihals, auch wenn er ab und an dann doch mal sein Organ verlauten lässt, dass ihm irgendetwas nicht genehm sei. Es erweckt bei mir als Papa aber eher Mitleid als so etwas wie Wut oder gar Hass. Ganz anders dagegen sind die Blagen, die sich bei IKEA auf den Fußboden werfen und ihre Mamas schier um den Verstand bringen. Da möchten man nur allzu gern eingreifen und zuerst dem Kind gehörig eine schallern, es einmal fragen, wo es wohl wäre, wenn es seine Eltern nicht gäbe und anschließend der Mama einen Vortrag über sie Sinnlosigkeit antiautoritärer Erziehung halten.
Ich hoffe dabei nur immer, dass wir es besser machen. Derzeit lässt es sich jedenfalls so ein. Das Kind schläft in seinem eigenen Zimmer und darf ab und an auch mal schreien, ohne gehört zu werden. Irgendwann ist er des sinnlosen Schreiens überdrüssig und schläft. Hoffentlich kriegen wir Rabeneltern kein Problem mit dem Jugendamt. …
23. September 2009 um 11:55
Hab gerade durchgeklingelt – SEK »Schnulli« sitzt schon im Bulli!
23. September 2009 um 16:53
Ich bin umgezogen: Bautzen II.
1. Oktober 2009 um 16:58
nein, sry, völlig unnormal.
normal ist es aber nur, kinderlose als egoistisch hinzustellen. staat-propaganda sei dank.
dabei ist es anders herum. die erzeugten kinder in deutschland brauchen mehr ressourcen, als es auf der welt gibt. zum glück gibt es da ja noch die millionen blähbauchkinder in afrika, die gerne verzichten, wenn unser kind dafür bio-satt und ab und an mal einen ausflüg mit dem 2. wagen von papa (SUV oder ähnliches) dafür bekommt.
eltern sind egoistisch. sie fügen sich und ihrer umwelt erheblichen schaden in form von lärm, stressigem sotun als wäre man kinderlieb und immer fröhlich, aufbrauchen wichtiger ressourcen, vollgekackter stinkender windel, erbrochenem undsoweiter.
nun denkt der leser, ich wäre ein kinderhasser. ne, ich mag die zwerge. sehen witzig aus, wie sie lachen, neugierig schauen, durch die welt laufen, als wenn sie ihnen nicht gehören soll.
wie sie wohl denken, wenn sie so alt wir wir sind, und die wertvollsten ressourcen auf dem planeten größtenteils geplündert sidn?
1. Oktober 2009 um 17:02
Mein lieber Scholli, da spricht ein gestresster Vati, oder? Verstehe ich voll und ganz, aber am Ende des Tages interessieren mich die ökologisch-ökonomischen Ressourcen nur am Rande, wenn ich in runde Kinderäuglein blicken darf. Schluck!
5. Oktober 2009 um 11:04
Also einfach auslaufen lassen? Ich meine das Modell Erde? Weil’s so voll ist, einfach alle Männer kastrieren? Auch ne Idee. Wir lassen uns einfach selbst aussterben. Dann kann keiner sagen, wir hätten den Nachkommen alles weggefressen. Das wäre doch mal ein Thema für ein Buch.
5. Oktober 2009 um 11:15
Fakt ist jedenfalls, dass Kinder dem Leben noch einmal eine andere Richtung geben. Sie lassen einen die Dinge manchmal nicht so eng sehen, Sie bewirken, dass man Dinge, die man vorher als wichtig angesehen hat, als unwichtig einstuft. Prioritäten verschieben sich. Man mutiert ggf. sogar vom Egomanen zu einem verständigen Menschen.
Damit ist nicht gesagt, dass es einfach ist, Kinder großzuziehen. Es ist auch für die Umwelt nicht immer einfach, schreiende Babys zu ertragen. Nur, wer sich nie um Kinder kümmern durfte/musste, immer nur spontan das gemacht hat, was er/sie wollte, immer nur für sich wirtschaftet, wird ein entsprechendes Maß an Gelassenheit fehlen und dem wird spätestens im Alter etwas Wichtiges fehlen. Enkel kann man nur haben, wenn man Kinder großgezogen hat.
5. Oktober 2009 um 14:34
Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen, glaube ich. Andererseits: Das Modell Erde wird doch auf jeden Fall glücklich – mit oder ohne uns, stimmts? Der Wald und das Meer genügen sich ja schließlich selbst. Mensch darf nicht immer von sich ausgehen. Der nukleare Winter schadet langfristig doch auch nur uns, wenn man es recht betrachtet. Gibt es überhaupt noch Moral in einem menschenleeren Raum? Und wenn ja, für wen ist sie dann gültig? Theoretisches Leben?