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Intro
Zalp betitelt das Fachjournal jener Berufsgruppe, welche im Sommer als Sennen und Hirten in einsamen Alphütten oberhalb der Baumgrenze der Schweizer Berge ihren Dienst tut. Um auch im Winter aus schierem Vergnügen zur Alp zu gehen, sollten folgende Dinge vorbereitet sein: passendes Wetter, passende Weggefährten und passender Schlüssel.

Alpwirtschaft
Mein erster Besuch auf der Revi-Alphütte datiert aus dem Jahre 2003. Auf einer Silvesterparty bei einem Freund postuliert, der schon einige Sommer auf dieser Hütte gearbeitet hatte, war sie das Ziel einer extravaganten Fahradtour, bei der es mir gelang, mit einem Ein-Gang-Rad von Rostock aus die Alpen zu überqueren. Die nächsten beiden Jahre verbrachte ich meinen Urlaub als Cowboy auf der Hütte. Wir hatte rund hundert Rinder zu versorgen, was von täglichen Wanderungen an zumeist herrlichen Tagen dort oben bestimmt war, aber auch spektakuläre Rettungsaktionen einschloß.

Die Alpwirtschaft hat nicht nur in der Schweiz eine jahrtausendelange Tradition. Da in bergigen Gegenden nur relativ wenige Flächen als Acker- und Weideland genutzt werden können, werden die Tiere im Sommer auf die sonst unwirtlichen Alpwiesen oberhalb der Baumgrenze getrieben. Die zu diesem Zweck geschaffenen Alphütten werden von den Alp-Bauern von Juni bis September mit Älplern besetzt, die sich um die Pflege der Tiere und das Konservieren der Milch kümmern.

Skifahren und Fußball
Schon vor zwei Jahren hatten wir eine Februartour zur Revi veranstaltet und kamen mit traumhaftem Erinnerungen zurück. Die Mitglieder der Reisegesellschaft Winterzalp bestanden außer mir aus meinem langjähriger Alpkollegen, seinem jugendlichem Sohn und dessen Kameraden. Sie befanden sich schon einige Tage in den Ferien im Bleniotal und bevorzugten ein kleines Skigebiet im nördlichen Tessin mit Schlittenpiste. Als Unterkunft bot sich der Wohnwagen eines Campingplatzes unweit des kleinen Ortes Acquarossas an. Sie holten mich in der Kantonshauptstadt Bellinzona ab, wo ich nach einem Flug von Berlin nach Zürich mit der Bahn gelangt war und in der Zeit bis zu unserem Treffpunkt die benötigten 2 Paar Schneeschuhe auslieh. Wir tranken ein Kaffe und machten uns auf zur nächtliche Bleibe. Der Abend fand mit einem deutschen-schweizerisch Fußballländerspiel (3:1) und einigen Bieren einen gelungenen Ausklang. Nennenswerte Schneeansammlungen konnte ich noch keine entdecken.

Hütte von oben
Alp de Revi

Den einen Tag, bis wir uns zu dem eigentlichen Ziel unserer Reise aufmachen würden, verbrachten wir in besagtem Skigebiet. Der untere Lift führte auf 1400 Metern und tatsächlich befand sich hier eine leidlich geschlossene Schneedecke. Ich ließ den anderen ihre Schlitten und borgte mir Gerätschaft für das Skivergnügen. Meine letzte Abfahrt musste schon einige Jahre zurückliegen, was der Eleganz meiner Schwünge, nicht aber meiner Ausgelassenheit deutlich anzumerken war.
Um für den folgetägigen Aufstieg gestärkt zu sein und weil keiner recht Lust auf Kochen und Abwasch hatte, kehrten wir in einer Pizzeria ein. Im italienischsprachigen Teil der Schweiz kann eine solche Mahlzeit nur empfohlen werden, zumal deren Gehalt dem sportlichen Treiben sehr zuträglich ist.

Alpensüdseite
Die Alp de Revi ist die letzte bewirtschaftete Alhütte im Calancatal, welches östlich vom San Bernardino Pass nach Süden ins Tessin ausläuft. Das Tal ist nur vorn tessiner Seite aus befahrbar und endet in einem Kessel zu Fuße des Zapporthorns, eines malerischen Dreitausenders im Adulamassiv, südlich des Rheinquelltals. Durch diesen Umstand und seiner Topographie schmaler Bergfanken bedingt, ist das Tal touristisch wenig genutzt und sehr ursprünglich. Nur wenige einheimische Wanderer und Alpinisten verirren sich dort hin. Die Straße endet in Rossa auf 1100 Metern, im Sommer ist sie noch einige Kilometer weiter bis hinter Valbella – einer winzigen Ansammlung hölzerner Sommerhütten – befahrbar, bevor der eigentliche Aufstieg zur Revialp beginnt. Die Hütte liegt auf 1800 Meter an der Baumgrenze auf der Ostflanke des Tals. Der Weg ist kaum gekennzeichnet, im Sommer aber leicht zu finden. Im Winter kann sich das trotz weitreichender Geländekenntnis ungleich schwieriger gestalten, sobald der untere bewaldete Teil passiert ist und die bekannten Orientierungspunkte auf dem Weg nach oben unter weiten Schneefeldern verborgen liegen.

Lawinenwarnstufe Mäßig
Die größte Gefahr einer Wintertour in der Bergen besteht darin, in eine Lawine zu geraten, aber nicht wieder rechtzeitig hinaus zu finden. Zwar ist der Weg durch die Nähe zum Wald wenig problematisch, aber die Gefahren an bestimmten Stellen lassen sich als Flachländer nur schwer abschätzen. Als erste Instanz zur Einschätzung des Risikos gibt das „Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung“ zweimal täglich ein Lawinenbulletin heraus. Zwar hatte es in unserem Zielgebiet relativ viel Schnee, aber der lag schon seit einiger Zeit, was die Lawinengefahr zunehmend mindert. Auch die Wetteraussichten ließen kaum Neuschnee erwarten, unser Unternehmen stand unter einem guten Stern.

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Morgenstimmung in Acquarossa

Ciao Capo
Es ist vermeintliche 5:30 Uhr, als der Wecker klingelt. Erst später merken wir den Irrtum, geschuldet einer um eine Stunde zu spät gehenden Uhr. Es ist noch dunkel, als wir zügig aufbrechen, um die Fahrt ins Calancatal zu bewerkstelligen. Die in der Dämmerung verblassenden Sterne versprechen einen sonnigen Tag. 8:30 Uhr sind wir am Startpunkt der eigentlichen Tour. Am Ortsausgang Rossa kehrten wir bei Guido ein, der die dörfliche Gastwirtschaft führt und einem Fellini-Film entkommen zu sein scheint. Wenn es seine Laune zulässt, begrüßt er uns mit einem „Ciao Capo“, was an diesem morgen aber ausbleibt. Hier melden wir uns von dem Teil Zivilisation ab, den wir nicht auf unseren Ausflug mitzunehmen gedenken. Außer der Kleidung und den Schneeschuhen besteht unser Gepäck aus Verpflegung für einige Tage, einem Fotoapparat und zwei Flaschen Stroh 80.

Der Weg führte die kleine Straße entlang, am märchenhaft verlassenen Valbella vorbei, wo wir nach einer kleinen Rast die Schneeschuhe anlegen und bis zum Ende des im Sommer befahrbaren Weges gelangen. Die Erinnerung an den Aufstieg von vor 2 Jahren war durchwachsen. Es gab damals weniger Schnee, aber der war oberflächlich verharscht, hielt nicht das Gewicht und war darunter so zusammengeschrumpft, dass jeder Schritt groß, der Höhengewinn aber minimal war. Außerdem verloren wir zwischenzeitlich den rechten Pfad, was nicht gefährlich, aber der Geschwindigkeit nicht zuträglich war. Wir brauchten 7,5 Stunden für eine Strecke, deren Rekord bei knapp einer liegt und kamen erst in der Dämmerung ziemlich erschöpft oben an.

Diesmal ging es leichter. Der Schnee war gleichmäßig verdichtet, auch meisterten wir die entscheidende Stelle, um dem Wanderpfad zu folgen. Wir erreichten die Hütte am Nachmittag bei Sonnenschein, die sich so friedlich in die Landschaft bettete, dass es anmaßend erschien, sie aus ihrem Schlaf zu erwecken.

Ankommen
Ankommen an der Hütte

Alp de Revi
Unsere Alhütte ist recht gut ausgestattet. Sie besteht aus vier am Hang stehenden Teilbauten, jeweils am Giebel von oben nach unten aneinander gereiht: Heulager, Stall, Werkstatt und Wohnbereich. Letzterer unterteilt sich in Küche, Stübli (Wohnzimmer) und einem Dachboden zum Schlafen. Als Highlight gibt es ein gekacheltes Bad mit Wasser aus einer thermischen Solaranlage und ein kleines Paneel, um eine Solarbatterie zu laden. Bei sonnigem Wetter muss im Sommer also weder auf eine heiße Dusche noch auf elektrisches Licht, Radio oder Musik verzichtet werden. Etwas abseits befindet sich noch das Gästehüsli, welches Besuchern oder den sehr selten eintreffenden Wanderern eine einfache Unterkunft bietet. Noch ein wenig dahinter steht die Ruine der vormaligen Alpbehausung, die vor ca. 60 Jahren einer Lawine zum Opfer fiel.

Nach unserer Ankunft gab es einiges zu tun. Den Ofen in Gang bringen, Schnee zu Wasser schmelzen, das Solarpaneel freimachen und ein Klo musste in den Schnee gebaut werden. Nach zwei Stunden wurde es leidlich warm im Stübli und wir begannen, die Socken über dem Ofen zu trocknen und uns dem leiblichen Wohl zu widmen. Nach weiteren zwei Stunden hatten wir eine heiße Mahlzeit, der Ofen gewann an Kraft und es ging zum gemütlichen Teil über. Ein Hörspiel wurde eingelegt, dazu nahmen wir Tee mit Zucker und Rum.
Richtige Klobenutzung
Schöne Aussichten auf der Entsorgungseinheit

Scheißhaus aus Schnee
Die Jungens hatten an einer geeigneten Stelle einen meterhohen Gang in den Schnee geschippt. Das Loch in der im Schnee belassenen Bank wurde durch ein Brett mit Klodeckel abgeschlossen. Als Farbton wählten sie weiß, als Decke das Himmelszelt und die Aussicht zeigte den Rodond auf der anderen Talseite. Das Klo war nach seiner Fertigstellung so rein wie die Unschuld. Leider musste ich nicht. Vorerst.

Mein erstes Snowboard
Der nächste Tag begann nicht sehr früh. Erst im Laufe des Vormittags kämpfte sich die Sonne durch das diesige Wetter. Aus irgend einem Grund begannen alle Tourteilnehmer, persönliche Skisportutensilien zu basteln. Während die anderen ihre Schneeschuhe umzufunktionieren versuchten, experimentierte ich an einer recht aufwendigen Snowboardkonstruktion. Bis ich damit die Hütte verließ, war es früher Nachmittag. Ich erreichte die anderen an einem Hang südlich der Hütte, wo sie sich grölend in den Schnee stürzten. Meine Gleitkonstruktion war nicht schlecht, ließ sich aufgrund mangelnder Lenkbarkeit aber eher als Stehschlitten beschreiben. Allerdings stand ich noch nie auf einem richtigen Snowboard.

Der Abend verlief wie der vorgehende, nur war es nun wirklich gemütlich warm. Wir hörten weiter das Hörspiel, bis die Solarbatterie sich abschaltete und spielten noch einige Runden Skat bei Kerzenschein, um dann in die Schlafsäcke zu kriechen. Ich schaffte keine 2 Seiten meines Buches, bevor ich wegnickte.

Abends in der Hütte
Abends bei Kerzenschein und geräucherten Socken

Mein erstes Snowboard Version II
Am nächsten Tag nahm ich mein Board noch einmal unter die Lupe. Mir war klar, dass meine Konstruktion einige Fehler aufwies, die ich beheben konnte. Ich verschmälerte die Grundfläche und tauschte die Lederriemen für die Schuhe, um mehr Gewalt über das Brett zu bekommen. Zwar verbesserten sich nun die Eigenschaften, aber es reichte nicht. Ich ließ es und machte mich zu einer Schneeschuhwanderung in die Areale oberhalb der Hütte auf. Recht zügig erreichte ich das Reservoir, einen Wasserspeicher, von dem im Sommer die Versorgung der Hütte gewährleistet wird. Der weiter nach oben führende Südhang war steil und zu einer eisigen Kruste verharscht. Trotz der in die Schneeschuhe eingelassenen Eisen hatte ich zu kämpfen, um diese Strecke zu passieten. Da das Gelände unter mir eine lustige Rutschpartie in den Abgrund versprach, erlaubt ich mir keinen Fehler und erreichte die nächste Anhöhe, auf der mich ein eisiger Wind empfing.

Allein in der Landschaft
Ich brauchte einige Versuche, um mir eine Zigarette anzuzünden, stand da rum, rauchte und war glücklich. Worüber weiß ich nicht. Ich stand auf keinem benennbaren Gipfel und der Wind lud mich nicht zum Verweilen. Andererseits schien die Sonne, die Aussicht war berauschend und um mich eine ziemlich verlassenen Winterlandschaft. Ich konnte weitergehen oder zurück in die warme Hütte. Wie es mir eben passte.

Extro
Auch den letzten Abend verbrachten wir am Ofen beim Kartenspiel und versuchten, den üppigen Essensreserven Herr zu werden. Die Holzvorräte für die Sommerbesatzung wurden wieder hergestellt und die Hütte für den Abstieg bereitet, so dass wir am folgenden Tag schnell abmarschbereit waren. Wir folgten unseren Spuren, die uns hinab ins Tal führten und von dort fort von den Bergen wieder an unser kleines liebliches Meer.

Snowbord, Skier und Schlitten der Marke Eigenbau
Snowboard, Kurzski und Schlitten Marke Eigenbau

Mehr Infos:

Zalp – Älplerinnen und Älpler

Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung Davos

Federico Fellini

Stroh80

Snowboard History

Calancatal in Graubünden