Zum Tode von Walter Kempowski
Prominente Rostocker sind nicht gerade Legion. Neben Skandalradler Jan Ullrich und den Protagonisten um das »Sonnenblumenhaus« vor fünfzehn Jahren war es vor allem der in der Nacht zum Freitag verstorbene Walter Kempowski, der international medienwirksam Zeugnis von seiner gehassliebten Heimat- und Hansestadt ablegte.
Ein bisschen verhält es sich mit Kempowski und Rostock wohl so, wie einst mit der Dietrich und Berlin: Man weiß und wusste um den Ruhm des Stadtkindes, doch was zählt der Prophet im eigenen Lande schon?
Häftling und Literat mit Humor
Kempowski wurde 1929 im Schatten der Marienkirche geboren und durfte nach dem Krieg und einer achtjährigen Haftstrafe in Bautzen, die er wegen Widerstands gegen die Demontage erhielt, in den Westen ausreisen.
Der vielfach gewürdigte Literat hat berühmte, z. T. verfilmte Romane wie »Tadellöser & Wolff«, »Uns gehts ja noch gold« und das mehrbändige »Echolot«-Projekt veröffentlicht. Die Stadt Rostock ist in einigen seiner Werke Bühne von Erzählungen.
Mutig in Stil und Leben
Trotz seines bewegten Lebenslaufes ist ihm der kulturelle Bierernst seiner Landsleute immer fremd geblieben. Seinen literarischen und menschlichen Stil, den hierzulande viele so schwer verstehen, zeichnet etwas aus, das man in Kempowskis Generation eher von englischen Literaten erwartete:
Einen bizarren Sinn für Komik und Selbstverspottung, selbst dann noch, wenn es um Kopf und Kragen geht. Kempowski blieb bis zuletzt ein streitbarer Mann mit feinem Sinn für Humor.
Dieser Artikel wurde bereits einmal, noch zu Kempowskis Lebzeiten, im Oktober 2006 veröffentlicht.

5. Oktober 2007 um 12:44
Feiner Artikel für einen wirklich guten Mann.
@: »was zählt der Prophet im eigenen Lande schon?« Auch da haben Sie recht. Ich wundere mich immer wieder, wie viele Rostocker Tadelöser & Wolf usw. noch nicht gelesen haben. Wahrscheinlich korrliert die nachwirkende Ostzensur mit der heutigen Verblödung. Auch sehr lesenswert: Benjamin von Stuckrad-Barres Besuch beim sterbenden Kempowski.
Aus »Tadellöser und Wolff«: »Von Rostock sagten die Leute, es sei zwar weniger als Lübeck und Hamburg, aber mehr als Wismar und Stralsund. Eine Stadt, die seit Jahrhunderten von schlechten Baumeistern verhunzt wurde. Wunderbar, dass sie trotz allem noch gewisse Reize hatte.«
So isses.
5. Oktober 2007 um 13:37
Na, na Herr Richter! Mal halblang. Nicht jeder Lesekundige hat die Zeit, sich Seite für Seite durch Schinken wie »Das Echolot« zu wühlen. Wenngleich es sich hierbei ohne Zweifel um ein Stückchen lobesamer Lektüre handelt. Für alle Seltenleser wie mich möchte ich kalmierend bemerken, dass »Tadellöser & Wolff« inzwischen auch von Eberhard Fechner verfilmt und schon sehr gelobt wurde.
Vielleicht gerade was für Sie Herr Bäuerle: Die Tadellöser & Wolff-DVDs.
5. Oktober 2007 um 13:38
@: »Na, na Herr Richter! Mal halblang. Nicht jeder Lesekundige hat die Zeit…« Rostock, Herr Lück! Rostock!
5. Oktober 2007 um 13:49
Ja, habs schon bemerkt!
5. Oktober 2007 um 14:35
Ja, ich habe die mehrteilige Filmreihe damals mit viel Gewinn gesehen. Kempowski lässt sich halt auch gut verfilmen, da er sehr süffig und eingängig schreibt, ohne dabei jemals den Boden der Tatsachen zu verlassen. Die »eingängige« Schreibe wurde ihm ja auch gelegentlich vorgeworfen, wie er im September 2006 schilderte:
»Das (eingängige Schreiben) ist in Deutschland riskant. Unsere Publikumsschulmeister wollen sich nicht beim Lachen ertappen. Was sie verstehen können, ist nichts wert. Mit dem Wort Heiterkeit kann bei uns niemand etwas anfangen. Da denken sie an Rudi Carell. Und Heiterkeit hat doch mit lustig nichts zu tun. Aber das verstehen die Deutschen nicht…«
>>Mehr im FAZ.NET
5. Oktober 2007 um 14:38
»Schrieb« muss es heissen, nicht »schreibt«. Schluck! Noch ein schönes Zitat von ihm: »Ich habe so wenig Zeit, dass ich, wenn ich pinkele, mir dabei die Zähne putze.« Herrlich, sowas. Nicht das Pinkeln, sondern das zu schreiben!
5. Oktober 2007 um 15:19
“Die junge Generation wurde von Achtundsechzigern erzogen, und Revolutionäre können keinen Sinn für Humor haben”
Der Satz stammt aus dem gleichen FAZ Interview. Ich denke da überzog Kempowski etwas. Richtig ist sicher, das zu der Zeit, als Kempowskis erste Bücher erschienen – das erste und berühmteste Rostock Buch “Tadelöser und Wolf” erschien Anfang der 70er – das “eingängie Schreiben” eher in die Kategorie der “Unterhaltungsliteratur” (= nicht seriös) eingeordnet wurde. “Der anspruchsvolle, sich dem Leser erst auf den zweiten Blick in in seine Schönheit erschließende Text” hatte zu der Zeit eben mehr Konjunktur. Aus genau dem Grund hab ich die Blechtrommel nicht bis zum Ende geschafft. Dabei ist das eigentlich ein gutes Buch.
5. Oktober 2007 um 15:26
Ja, der Herr Grass hatte natürlich auch einiges an Insiderwissen, das man zur Zeit der Bucherscheinung und des später mit einem Oskar prämierten Filmes nicht erahnen konnte.
Wie Sie es beschrieben: Herr Kempowski musste sich mit der 68er Bewegung – die ich im Sinne gesellschaftlicher Emanzipation und NS-Aufarbeitung für wertvoll und wichtig halte – seit den Siebzigern befassen – Romantisierung der DDR, Glorifizierung des für ein nichtakademisches Publikum unverdaulichen Autorenkinos und ebensolcher Literatur standen bei denen nämlich auch auf dem elitären Panier. Nichts gegen Fassbinder, aber zwischendurch bitte auch mal Knightrider!
5. Oktober 2007 um 15:48
Peter, ich musste kurz überlegen, bei dem Namen Fechner war noch was…
a) die berühmte Doku über die Comedian Hamonists
und b) sein großes Seemanns-Epos »La Paloma« von 1988, das leider nicht bei Amazon erhältlich ist. Ein Porträt der Seefahrt, von der Kaiserzeit bis in die 60er/ frühen 70 Jahre. Läuft selten auf N3 mal im Spätprogramm. Fechner interviewte hierfür u. a. die letzten Überlebenden aus der Segelschiffszeit vor 1918.
5. Oktober 2007 um 16:13
Für den Freundeskreis »La Paloma«:
>> Informationen zum Film
>> Buch zum Film
5. Oktober 2007 um 16:25
Für Herrn Bäuerle: Ich hab mir mal ne DVD beim Sender organisiert. Sie sind ja auch von der Küste…
5. Oktober 2007 um 16:35
Sauber, Herr Paloma, mittlerweile bin ich ja auch eher von der Ost- als von der Nordküste, muss man ja mal so sagen. La Paloma, ohe…
5. Oktober 2007 um 16:38
Kommt über Peter.
9. Oktober 2007 um 09:17
Großartig! Das Laufwerk steht weit offen!
21. April 2008 um 12:42
Ich hab gerade das neueste Buch von K. gelese (Tagebuch 1991). Mein Gott, was für’n reaktionärer alter Mann war das. Sogar die Gewerkschaften waren ihm zu links (!). Offensichtlich ein rechter Knochen.
Und dann sein permanenter Neid auf Kollegen. Und all die andauernden Banalitäten. Sowas hab ich ja als Teenager nicht mal in ein Tagebuch geschrieben.
Wenn ich hier irgendwo lese, der Mann hätte Humor… das muss wohl früher mal gewesen sein. Die Dinge die ich hier jetzt las, waren banal, verbittert, unkomisch, undvon “selbstkritisch”kann auch keine Rede sein. Unliterarischen CDU-Wählern wird’s allerdings gefallen.
21. April 2008 um 13:02
Das mag sein, ich kenne das Buch nicht. Vielleicht war das wirklich früher mal – wie schade! Immerhin wurde im übel mitgespielt. Hat er dabei möglicher Weise seinen Humor verloren?